Aus der von Donald Trump ausgelösten grün-blauen Posse am Lincoln Memorial in Washington wird ein Justizfall. Der US-Präsident sucht für das Desaster am auf seine Anordnung hin frisch renovierten „Reflecting Pool“ nicht Erklärungen, sondern Täter. „Vandalen“, sagte er am Montag im Oval Office vor laufender Kamera, hätten die neue Oberflächenbeschichtung des Beckenbodens auf einer Länge von über hundert Metern aufgeschlitzt, vermutlich mit Teppichmessern. Zudem seien Chemikalien ins Wasser gekippt worden, die das seit Tagen für Schlagzeilen sorgende Algen-Wachstum begünstigt hätten.
Beweise fehlen – Reparatur in Rekordzeit?
Beweise für seine schwerwiegenden Anschuldigungen legte Trump auch nach mehrmaligen Nachfragen nicht vor, verwies an die zuständige National-Park-Verwaltung und das Innenministerium. Beide Institutionen schweigen. Reporter, die am Montag am Pool nach der von Trump beschriebenen Zerstörung suchten, darunter der Autor dieses Berichts, wurden nicht fündig. Beamte und Arbeiter vor Ort konnten sie auf Nachfrage ebenfalls nicht zeigen. Sicher ist: Der Pool, den Trump aus ästhetischen Gründen in „American Flag Blue“ hatte auskleiden lassen, ist nur wenige Wochen nach der 14 Millionen Dollar teuren Eilsanierung, die laut Trump nur eine Million kosten sollte, weiter ein Sanierungsfall.
Von Algen über Ozon zu Farblappen
Erst kam der Algenbefall. Dann behandelten Arbeiter das Wasser mit Wasserstoffperoxid und sogenannter Nanoblasen-Ozon-Technik. Kurz darauf löste sich an vielen Stellen die neue blaue Beschichtung in großen Lappen vom Boden. Nun, so Trump, soll das historische Becken auf der National Mall erneut geleert und repariert werden, rechtzeitig vor den Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten am 4. Juli.
Experten zweifeln an Trumps Begründung
Für Fachleute klingt die Geschichte, die Trump pflanzt, abenteuerlich. James Henry, nach eigenen Angaben Lackierer der Gewerkschaft DC9 mit 30 Jahren Erfahrung, schrieb auf X, er sehe „ein Versagen, keine Verschwörungstheorie“. Wenn sich eine Beschichtung in großen Platten löse, deute das auf Haftungsversagen hin: schlechte Vorbereitung des Untergrunds, Verunreinigungen, ein falsches System, nicht befolgte Zeitvorgaben bei der Überlackierung oder Wassereinbruch, bevor die Schicht vollständig ausgehärtet sei. Sein Fazit: „Das sind keine Vandalen. Das ist ein Beschichtungsversagen.“
Strafrecht statt Handwerk
Aus dieser handwerklichen Frage macht die Regierung nun Strafrecht. Bis zum Wochenende meldeten die Behörden mindestens fünf Festnahmen und fünf Bundesbußgelder; von 14 Polizeiberichten wegen Vandalismus ist die Rede. Belastbare Details, dokumentierte Vorwürfe? Fehlanzeige. Am Pool patrouillierten am Montag Parkpolizei, US-Marshals, Hilfssheriffs, Nationalgardisten, zu Fuß, zu Pferd, in Gruppen. Was wie ein missglücktes Bauprojekt begann, sah plötzlich aus wie der Schutz eines Nationalheiligtums vor Terroristen. Etliche Touristen zeigten sich auf Nachfrage befremdet.
Polizei legt Passanten in Handschellen
Denn es spielen sich – oft auf Handy-Videos dokumentiert – Szenen ab wie in einem schlechten Film. Eine Frau wurde festgehalten, weil sie ein Stück schwimmender Farbschicht aus dem Wasser genommen hatte; sie sagte, es habe wie Müll ausgesehen. Ein junger Mann bekam einen Strafzettel, weil er angeblich etwas aus dem Wasser gezogen hatte. „Sie kommen heute nicht ins Gefängnis, weil Sie kooperativ wirken“, sagte ein Beamter zu ihm. Der frühere Olympionike David Hearn erklärte, er habe nur ein bereits gelöstes Stück der Bodenbeschichtung ertastet. „Ich habe nichts mutwillig beschädigt“, sagte er. „Ich habe nichts zerstört, zerbrochen oder abgekratzt. Als mir klar wurde, was los war, wurden mir schon Handschellen angelegt.“ Sein Fall soll am 9. Juli vor Gericht gehen.
Staatsanwältin droht mit der ganzen Härte der Justiz
Jeanine Pirro, Trumps neue US-Staatsanwältin für Washington, eine ehemalige Fox News-Kommentatorin, legte nach. „Jeder, der den Reflecting Pool mutwillig beschädigt oder dies versucht, muss sich in Washington D.C. vor der Strafjustiz verantworten“, sagte sie bei Fox News. Die Fälle würden „mit aller Härte“ verfolgt. Sollten gefährliche Substanzen eingebracht worden sein, prüfe man noch schwerere Anklagen. Zum Verständnis: Es geht um jahrelange Haftstrafen.
Juristisch dünnes Eis
Juristisch ist das dünnes Eis. Sara Bronin, Rechtsprofessorin an der George Washington University und frühere Vorsitzende des Bundesbeirats für Denkmalschutz, sagte der Washington Post, die Regierung müsse beweisen, dass Beschuldigte tatsächlich Schaden angerichtet oder dies vorsätzlich versucht hätten. „Eine zentrale Frage lautet: Haben sie vorsätzlich Sachschaden verursacht?“, sagte sie. Und: „Haben sie tatsächlich Schaden angerichtet?“ Menschen allein wegen einer Berührung des Wassers festzuhalten, nannte Bronin abwegig. Der Pool sei Teil der öffentlichen Infrastruktur der National Mall. Die Vorstellung, Bürger dürften ihn nicht einmal berühren, sei „bizarr“ und eine Verdrehung dessen, wofür die Mall stehe.
Politische Deutung: Eitelkeit trifft auf Realität
Politisch ist der Vorgang nach Deutung von Regierungskritikern leichter zu lesen. „Trump wollte den grauen, historischen Beckenboden in patriotischem Blau sehen. Schnell, sichtbar, rechtzeitig zum großen Jubiläum. Nun schimmern Algen, Farbe und seine Eitelkeit durcheinander. Statt nüchtern zu klären, welche Firma was wann wie aufgetragen hat, wer prüfte, ob der Untergrund trocken, sauber und tragfähig war, erzählt der Präsident eine an den Haaren herbeigezogene Kriminalgeschichte“, sagte ein ehemaliger Regierungsbeamter aus dem Stadtteil Chevy Chase dieser Zeitung.
Neue Attraktion am Pool
Am Pool ist daraus bereits eine neue Attraktion geworden. Touristen fotografieren Farbfladen. Eine Besucherin aus Ohio sagte: „Ich hätte nicht erwartet, dass am Pool mehr Leute sind als am Lincoln Memorial, aber hier sind wir nun.“ Aktivisten nennen sich „Team Algae“ und feiern das Grün als Widerstandssymbol. Dazwischen mahnen Soldaten Besucher, nur ja nicht das Wasser zu berühren.



