Neitzel warnt vor russischer Bedrohung
Der Militärhistoriker Sönke Neitzel hat im SPIEGEL-Talk „Spitzengespräch“ eindringlich vor der anhaltenden Gefahr durch Russland gewarnt. Obwohl er 2025 noch vom „letzten Sommer in Frieden“ sprach, zeigt er sich heute etwas optimistischer – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Ohne eine deutliche Aufstockung der Ukrainehilfe und eine kohärente europäische Sicherheitsstrategie bleibe die Lage höchst gefährlich, so Neitzel.
Im Gespräch mit Moderator Markus Feldenkirchen kritisierte Neitzel vor allem die deutsche Regierung: „Ich erkenne nicht, dass Merz einen Plan hat“, sagte der Historiker mit Blick auf Bundeskanzler Friedrich Merz. Er vermisse eine klare Linie in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik.
Mangelnde Strategie und Handlungsdruck
Neitzel betonte, dass Russland weiterhin eine existenzielle Bedrohung für Europa darstelle. Die bisherigen westlichen Hilfen für die Ukraine seien unzureichend. „Wir liefern zu wenig, zu spät und ohne klares strategisches Ziel“, kritisierte er. Der Militärexperte forderte eine langfristige Perspektive: Europa müsse sich auf eine jahrelange Konfrontation mit Russland einstellen und entsprechende Kapazitäten aufbauen.
Besonders besorgt zeigte sich Neitzel über die mangelnde Vorbereitung der Nato auf einen möglichen russischen Angriff auf ein Bündnismitglied. „Wenn russische Truppen in einen Nato-Staat einfallen – wie reagiert das Bündnis?“, fragte er rhetorisch. Diese Frage sei bislang nicht zufriedenstellend beantwortet.
Appell an die Bundesregierung
Der Historiker appellierte an die Bundesregierung, endlich eine umfassende Sicherheitsstrategie vorzulegen. „Deutschland muss seiner Verantwortung in Europa gerecht werden“, sagte Neitzel. Er forderte nicht nur mehr Militärhilfe für die Ukraine, sondern auch eine deutliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben und eine Reform der Bundeswehr.
Neitzel warnte zudem vor einer „Ermüdung“ der westlichen Öffentlichkeit. Der Krieg in der Ukraine dürfe nicht in Vergessenheit geraten. „Wir müssen uns klarmachen, dass es hier um die Zukunft der europäischen Sicherheitsordnung geht.“
Das „Spitzengespräch“ mit Sönke Neitzel ist Teil einer Reihe, in der Experten zu geopolitischen Fragen Stellung nehmen. In vorherigen Folgen sprachen unter anderem die Sicherheitsexpertin Florence Gaub und der Historiker Christopher Clark über die Bedrohung durch Russland.



