Beim Nato-Gipfel in Ankara kommt es heute zum Showdown zwischen US-Präsident Donald Trump (80) und den europäischen Verbündeten. Die Amerikaner fordern höhere Verteidigungsausgaben von Europa, während die Europäer einen amerikanischen Truppenabzug fürchten. Die Sorge ist groß: Jedes Zeichen der Schwäche könnte von Russlands Präsident Wladimir Putin (73) ausgenutzt werden.
Schadensbegrenzung als oberstes Ziel
Militärexpertin Claudia Major (50), Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen beim German Marshall Fund, erklärte im RONZHEIMER-Podcast: „Der Gipfel wird sehr an ihn angepasst. Er kommt am Dienstagabend, bleibt bis Mittwochnachmittag – und alle hoffen, dass es in diesen fast 24 Stunden keine Katastrophe gibt.“ Die Hoffnung sei, dass die Kürze „weniger Möglichkeiten für Katastrophen“ biete. Das „übergeordnete Ziel dieses Gipfels ist wirklich Damage Control“, also Schadensbegrenzung für die Nato.
Das Ziel der Europäer und der Nato-Führung sei die Botschaft, dass das Bündnis zusammenstehe: „Kein öffentlicher Streit, kein Nachtreten, kein Beschuldigen.“ Man wolle zeigen, dass die Nato-Staaten „sich nicht auseinanderdividieren“ ließen und im Falle von Angriffen zusammenstünden.
Abschreckung im Kopf des Gegners
Claudia Major betonte die Bedeutung der Abschreckung: „Abschreckung findet immer im Kopf des Gegenübers statt. Alles das, was die Nato macht – die militärische Aufrüstung, die Übungen –, soll das Kalkül in Russland verändern. Das soll Russland dazu bringen, zu sagen: ‚Wenn ich das Territorium angreife, sind die Kosten für mich so viel höher als das, was ich mir erhoffe. Das lohnt sich nicht, ich lasse es lieber.‘“
Sie ergänzte: „Wenn Abschreckung funktioniert, verändert sich das Kalkül des Gegenübers, dann ist es eine Kriegsverhinderungsstrategie. Aber das funktioniert eben nur, wenn die Fähigkeiten da sind – vom Panzer bis zur Drohne zum Soldaten. Und wenn die Botschaft klar ist, wenn wirklich alle Alliierten sagen: Polen macht dir keine Sorgen, wir stehen zusammen.“
Spaltung zwischen US-Militär und Regierung
Kann die Nato diese Botschaft wirklich an Russland senden, wenn Trump mit einem Truppenabzug aus Europa droht und die Unterstützung der Ukraine immer wieder anzweifelt? Laut Major gibt es eine Spaltung zwischen amerikanischen Militärs und ihrer Regierung. Über Gespräche mit US-Militärangehörigen sagte sie: „Offiziell sagen sie gar nichts, weil wir natürlich das sogenannte Primat des Politischen haben. Das heißt: Das Politische entscheidet darüber, was das Militär macht. Aber informell sind die, mit denen ich spreche, ganz klar. Die sagen, dass die Ukraine unsere Unterstützung braucht, dass es bei der Ukraine nicht um eine Art Charity, sondern dass es da um Europas Sicherheit geht.“
Selenskyjs Chance auf dem Gipfel
Das Treffen zwischen Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj (48) sei „das große Fragezeichen“ des Gipfels, so Major. Selenskyj werde versuchen, Trump auf seine Seite zu ziehen – und habe diesmal gute Argumente. Die Ukraine habe „mit den Langstreckenangriffen weit ins russische Hinterland ein ziemliches Momentum generiert – nämlich in der Art, dass Putin den Krieg nicht mehr wegleugnen kann“, so Major. „Der kommt im Alltag der russischen Bürger an.“ In einem großen Teil russischer Regionen herrsche Treibstoffmangel, es entstehe erstmals der Eindruck, dass die Zeit für die Ukraine spiele. „Und die Frage ist, ob Selenskyj Trump überzeugen kann, dass die Ukraine gerade gut dasteht – und dass Trump ja immer auf der Seite der Gewinner sein will und deshalb lieber auf Seite der Ukraine sein sollte.“



