Mittelmeer: Anwältin kämpft für Flüchtlinge trotz neuer EU-Asylpolitik
Mittelmeer: Anwältin kämpft für Flüchtlinge trotz EU-Asylreform

Flucht über das Mittelmeer: „Ich muss immer sehen, wer am stärksten verwundbar ist“

Chios. Die Route über die Adria zählt zu den gefährlichsten der Welt. Ertrunkene sorgen selten für Empörung. Eine Anwältin gibt nicht auf – und kämpft. Von Christian Unger, Redakteur. 17.06.2026, 11:25 Uhr.

Ein tödlicher Unfall vor Chios

Der Strand von Mersinidi ist ein Touristen-Idyll. Schroffe Felsen ragen aus dem blauen Meer an der Küste der griechischen Insel Chios. Ein Hang mit Bäumen umschließt die Bucht, oben liegt ein altes Kloster. Von hier schweift der Blick über die Ägäis. Die Nacht über Chios bricht gerade an, als Natassa Strachini am 3. Februar einen Anruf bekommt. Aufgeregt fragt eine Freundin, was passiert sei. Die lokalen Nachrichten würden schon berichten. Strachini, eine Rechtsanwältin mit grauem Haar und einem warmen Blick, ahnt, was das bedeutet. Ihre Großeltern flohen einst selbst aus der Türkei auf die griechischen Inseln. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Strachini für Hilfsorganisationen und unterstützt Geflüchtete, die auf der Insel ankommen.

Das Bootsunglück

An diesem Abend macht sich die Anwältin sofort auf den Weg. Ein Schlauchboot mit Migranten ist gesunken, direkt vor der Küste, nicht weit vom Strand von Mersinidi entfernt. Stunden nach dem Vorfall wird die griechische Küstenwache melden, dass ein Schlauchboot ohne Navigationslichter in Richtung Ostküste der Insel gefahren sei. Der Fahrer des Bootes habe Lichtsignale des griechischen Patrouillenbootes ignoriert, stattdessen den Kurs geändert. Dann seien Schlauchboot und Schnellboot der Küstenwache kollidiert. Das Schlauchboot kentert, Menschen stürzen ins Meer. Eine Stunde nach der Kollision habe Strachini den Strand erreicht, erzählt sie heute, einige Monate später, im Telefonat mit unserer Redaktion. Sie hat gute Sicht, weil der Mond hell scheint und die See ruhig ist. Vor Ort habe sie einen Hubschrauber gesehen, zudem zwei Schiffe, die offenbar nach Überlebenden suchen. Die Anwältin setzt sich wieder ins Auto, fährt zum örtlichen Krankenhaus.

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Das Mittelmeer als Massengrab

Das Mittelmeer ist Sehnsuchtsort vieler Touristen, „Mare Nostrum“, unser Meer, so nannten es schon die Römer. Heute teilen sich Kreuzfahrtschiffe und Frachter die Routen von der Levante bis zur Meeresenge von Gibraltar. Doch das Mittelmeer ist noch mehr: Es gilt als tödlichste Fluchtroute weltweit. 34.931 Menschen ertranken seit 2014, oder sie sind vermisst, was meist auch nur bedeutet, dass sie tot sind. So hält es die International Organization for Migration (IOM) fest. Die Vereinten Nationen nennen eine vergleichbare Zahl, jedes Jahr sterben demnach mehrere Tausend Menschen auf der Flucht nach Europa. Das Mittelmeer, an manchen Stellen mehr als fünf Kilometer tief, es ist längst zum Massengrab für Menschen aus Syrien, Afghanistan, Sudan, Eritrea und anderen Krisenregionen der Welt geworden.

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Die Nacht des 3. Februar

In der Nacht des 3. Februar erreicht Natassa Strachini das Krankenhaus auf der Insel Chios. „Sie brachten schon die Toten“, erzählt die Anwältin heute, „in Leichensäcken.“ Mehr erfährt Strachini nicht, sie habe nicht näher herangedurft. Aber weil sie schon so lange auf der Insel lebt, kennt sie Ärzte, hört von schweren Kopfverletzungen bei den Toten. In dieser Nacht sterben vor Chios 15 Menschen, darunter zwei Kinder. Die Rettungskräfte liefern laut Strachini auch eine hochschwangere Frau ein. Ihr Zustand ist kritisch, sie liegt im Koma auf der Intensivstation. „Aber sie hat überlebt, wir sind sehr froh“, sagt Strachini heute. Das ungeborene Kind können die Ärzte nicht mehr retten. Etwa 40 Menschen saßen in dem Schlauchboot, die meisten waren Familien aus Afghanistan. Es legte vom Ufer der Türkei ab, das an der Stelle etwa 20 Kilometer von Chios entfernt ist. Weil die Männer außen hockten und die Frauen und Kinder im Innenraum, ertranken bei dem Crash mit der Küstenwache vor allem die Männer, berichtet Strachini. Die griechischen Behörden veröffentlichen Fotos des Schnellboots der Küstenwache. Es sind leichte Spuren der Kollision zu erkennen. Die Behörden bestätigen die Anzahl der Toten. Die überlebenden Afghanen erzählen eine andere Version der Tragödie als die Küstenwache. Laut Hilfsorganisationen berichten sie von einem grellen Licht des Schnellboots, das sie dann rammte. Das Schlauchboot, überfüllt und offenbar kaum zu manövrieren, hätte evakuiert werden müssen. Das Leben der Menschen an Bord sei bewusst riskiert worden.

Vorwürfe gegen die Küstenwache

Bootsunglücke mit Migranten und Schutzsuchenden passieren immer wieder, laut der Hilfsorganisation Refugee Support Aegean allein 16 in griechischen Gewässern im vergangenen Jahr. Nur noch selten schaffen es die Ertrunkenen in die Schlagzeilen deutscher Medien. Im Sommer war das anders: Vor der griechischen Hafenstadt Pylos kentert ein überladener Fischkutter, etwa 600 Menschen ertrinken. Die Hilfsorganisation Pro Asyl hat zum dritten Jahrestag mit drei Überlebenden des Unglücks vor Pylos gesprochen. Vorab liegen unserer Redaktion Auszüge aus den Gesprächen vor. „Als sich das Schiff umgedreht hat, war der Wasserdruck so stark, dass ich kaum wieder auftauchen konnte. Meine Hose hatte sich um meine Beine gewickelt“, erzählt der 28 Jahre alte Karam demnach. „Da habe ich sie ausgezogen und bin weitergeschwommen. Aber bei jedem Schluck Wasser, der in meinen Mund gekommen ist, dachte ich mir, jetzt bin ich tot.“ Wie Karam war auch der 40-jährige Firas aus Syrien geflohen. Bis heute sind die Männer traumatisiert von dem Erlebnis auf dem Meer. „Meinte Tante und ihr ganzes Umfeld, die haben den Kontakt zu mir abgebrochen, weil ihr Sohn auf der Reise gestorben ist“, sagt Firas. „Sie geben mir die Schuld.“ Der überlebende Karam gibt an, dass die Geflüchteten bewusstlose Menschen aus dem Wasser gezogen hätten. Sie legten die Körper auf den Rumpf des gekenterten Kutters, und versuchten, die Ertrunkenen wiederzubeleben. Karam sagt, das Boot der griechischen Küstenwache habe nur beobachtet. Nicht nur von Seiten der Migranten gibt es im Fall von Pylos Vorwürfe gegen die griechische Küstenwache, die das Schiff über Stunden vor dem Untergang mit einem eigenen Boot begleitete. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex erhebt in einem Bericht Vorwürfe gegen die Küstenwache: Sie habe auf Hilfsangebote von Frontex nicht reagiert. Sie habe Menschenleben aufs Spiel gesetzt. Auch die griechischen Behörden haben ein Ermittlungsverfahren gegen die Beamten der Küstenwache eingeleitet. In mehreren anderen Fällen beschuldigt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte griechische Behörden, nicht alles getan zu haben, um Menschenleben zu retten.

Abschottungspolitik der EU

Hilfsorganisationen und Migranten selbst gehen noch weiter: Menschen werden von Booten der Küstenwache zurückgedrängt in Gewässer außerhalb der EU. Griechenland weist die Vorwürfe zurück. Im Gegenteil: Man habe Tausende Menschen aus der Seenot gerettet. Wenig bestritten ist: Das jüngste Kapitel des Mittelmeers ist auch eine Geschichte der Abschottung. Die EU will den Zustrom an Migranten und Asylsuchenden reduzieren. Humanitäre Desaster entlang europäischer Länder wie 2015 sollen sich nicht wiederholen. Der Grenzschutz wurde hochgerüstet, Schleusergruppen bekämpft, Abkommen mit Transitstaaten wie Libanon oder Tunesien geschlossen, Ausrüstung und Geld geschickt. Auch an zerfallende und kriegerische Staaten wie Libyen. Dort herrschen in Teilen des Landes Milizen und Warlords. Im vergangenen Jahr ertranken laut UNHCR knapp 3000 Menschen. Bis Ende Mai dieses Jahres waren es knapp 600. Die Zahl sinkt demnach, deutlich sogar. Das liegt vor allem daran, dass insgesamt weniger Geflüchtete in Boote an den Küsten Afrikas und der Türkei steigen und nach Europa fahren. Verantwortlich ist dafür, so sagen Migrationsforscher, nur zum Teil die EU-Asylpolitik. Wichtiger noch sei das Ende des Krieges in Syrien. Auch der Krieg im Iran, Transitland etwa für viele Afghanen in Richtung Türkei und Europa, kann zu einem Rückgang von Fluchtbewegungen geführt haben.

Das neue EU-Asylsystem (Geas)

An diesem Freitag tritt das gemeinsame europäische Asylsystem, kurz Geas, in Kraft. Ein zentrales Vorhaben: In Asylzentren an der EU-Außengrenze, also vor allem in Griechenland, Zypern, Malta, Spanien und Italien, sollen Menschen vor Ort registriert und „vorgeprüft“ werden. Wer kein Asyl bekommt, soll von dort direkt abgeschoben werden. „Die Zahl der Asylsuchenden, die sich illegal auf den Weg in Richtung Europa machen, muss noch stärker zurückgehen“, sagt EU-Migrationskommissar Magnus Brunner unserer Redaktion. Dafür sollen das neue Asylsystem und gleichzeitig Abkommen mit Transitstaaten sorgen. Auch Asylzentren außerhalb der EU sind rechtlich nun möglich. Die EU verlagert den Grenzschutz vor Europa. Und so ist die Asylreform auch Teil einer Abschreckungspolitik, die dazu führen soll, dass sich weniger Menschen nach Europa auf den Weg machen – und damit auch weniger Menschen im Meer ertrinken. Ob die EU-Regierungen ihr Ziel mit der Reform erreichen, bleibt offen. Fachleute rechnen allein mit bis zu zwei Jahren, bis alle Maßnahmen umgesetzt sind, etwa der Aufbau der Asylzentren. Manche Migrationsforscher warnen, dass Migranten sich noch stärker in die Fänge von Schleusergruppen begeben müssen, wenn die EU legale Wege nach Europa weiter schließt. Und das ist nicht nur teuer – sondern auch gefährlich, die Boote oftmals kaum seetauglich.

Anwältin Strachini: „Wir können nicht allen helfen“

Rechtsanwältin Strachini befürchtet, dass der Zugang zu Geflüchteten, die in den Außenlagern der EU ankommen, noch weiter beschränkt werden könnte. Für das „Screening“ von Asylsuchenden veranschlagt die EU in diesen Zentren künftig noch sieben Tage. Die kurze Zeit bedeutet auch, dass Rechtsanwälte wie Strachini Schutzsuchenden im Verfahren weniger zur Seite stehen können. Schon jetzt sei die Hilfe für Geflüchtete an der EU-Grenze viel weniger geworden als noch 2015 oder 2016. „Wir können nicht allen helfen“, sagt Natassa Strachini. „Ich muss immer sehen, wer am stärksten verwundbar ist.“