Libanon-Konflikt: Angst vor israelischer Besatzung wächst im Schatten des Iran-Kriegs
Libanon: Angst vor israelischer Besatzung wächst

Libanon-Konflikt: Angst vor israelischer Besatzung wächst im Schatten des Iran-Kriegs

Im Libanon werden in diesen Tagen traumatische Erinnerungen an vergangene Kriege wachgerufen. Die andauernden israelischen Angriffe in weiten Teilen des Landes, Hunderttausende Vertriebene, die Kampfbereitschaft der Hisbollah und massive Zerstörungen haben das Land erneut in einen absoluten Kriegszustand versetzt. Mit jedem Tag spitzt sich die Lage weiter zu, während israelische Truppen langsam vorrücken und die Drohungen lauter werden. Die brennende Frage, die viele Libanesen umtreibt: Kommt es zur erneuten israelischen Besatzung im Libanon?

Von Krieg zu Krieg: Eskalation zwischen Hisbollah und Israel

Seit Anfang März bekriegen sich die vom Iran unterstützte Hisbollah und das israelische Militär erneut. Im Zuge des Iran-Kriegs und als Reaktion auf die Tötung des iranischen obersten Führers Ayatollah Ali Chamenei feuerte die Hisbollah Raketen in Richtung Israel ab. Dieser Akt markierte den Startschuss für einen erneuten offenen Krieg zwischen den Erzfeinden – bereits der zweite innerhalb von etwa zwei Jahren. Selbst in der Zwischenzeit herrschte kein Frieden, sondern lediglich eine äußerst brüchige Waffenruhe mit nahezu täglichen Angriffen Israels, Verstößen der Hisbollah und Hunderten Toten, vor allem im Libanon.

Israel beherrscht derzeit den libanesischen Luftraum uneingeschränkt. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, Israel wolle bis auf weiteres auch das Gebiet bis zum Litani-Fluss im Südlibanon kontrollieren. Hunderttausende Bewohner könnten nicht dorthin zurückkehren, solange keine Sicherheit für die Bevölkerung im Norden Israels gewährleistet sei. Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich ging sogar noch weiter und forderte, der Fluss müsse Israels neue Grenze zum Libanon darstellen.

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Historische Traumata: Die Angst vor Wiederholung

Bereits im Jahr 1982 marschierte das israelische Militär in den Libanon ein, mit dem Ziel, eine 40 Kilometer breite Pufferzone gegen Terrorattacken auf Israel zu schaffen und die Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) weiter nach Norden zu verdrängen. Als direkte Reaktion darauf gründete sich im Libanon mit Unterstützung des Irans die Hisbollah, die sich als Widerstandsbewegung gegen Israel und als Schutzmacht für die schiitische Bevölkerung versteht. Die Hisbollah hat im Libanon einen Schattenstaat etabliert und kontrolliert mehrere Regionen, darunter den Südlibanon, die Bekaa-Ebene und die südlichen Vororte der Hauptstadt Beirut.

Im Libanon herrscht nun die tiefe Sorge, dass sich die Geschichte wiederholen könnte. „Die Israelis wollten immer schon den Südlibanon bis zum Litani besetzen“, ist Hussein Schueib aus dem Südlibanon überzeugt. „Das war alles bereits geplant“, sagt er und bringt damit die Befürchtungen vieler Libanesen auf den Punkt. Derzeit hat er in einer Notunterkunft in Beirut Zuflucht gefunden. Der 31-jährige Mohammed Bitar aus dem Küstenort Tyrus hingegen will seinen Wohnort nicht verlassen, obwohl Tyrus zwischen der israelischen Grenze und dem Litani liegt und bereits wichtige Brücken im Südlibanon zerstört wurden.

Machtloser Staat und internationale Perspektiven

Die libanesische Regierung wirkt wie ein stummer Zuschauer in diesem Konflikt. Sie ist keine aktive Kriegspartei, hat aber auch keinerlei Möglichkeiten, das eigene Territorium zu verteidigen. „Die Armee hat keinerlei Möglichkeiten, den Israelis irgendetwas entgegenzusetzen“, analysiert Heiko Wimmen von der International Crisis Group. Die libanesischen Streitkräfte gelten als schwach und deutlich unterfinanziert im Vergleich zur Hisbollah. Sollte die Armee eingreifen, drohen im Libanon zusätzlich interne Spannungen und Konflikte, da die Hisbollah vor allem in der schiitischen Bevölkerung noch immer Zustimmung erfährt.

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Israels Militärexperte Danny Orbach von der Hebräischen Universität in Jerusalem sieht eine Besetzung des Nachbarlandes nicht als offizielle Regierungspolitik. Er erwartet, dass Israels Armee in den kommenden Monaten die Hisbollah südlich des Litani-Flusses weiter schwächen wird, bevor die libanesische Regierung die Kontrolle übernimmt. Äußerungen über eine Besetzung des Südlibanons interpretiert er als reine Drohkulisse, um die Führung in Beirut zu einem härteren Vorgehen gegen die Hisbollah zu bewegen.

Andere Beobachter wie Heiko Wimmen schätzen die Lage deutlich dramatischer ein. Er geht davon aus, dass Israel möglicherweise eine weitere Zone kontrollieren und sogar entvölkern könnte. „Wer das Problem Hisbollah endgültig aus der Welt schaffen will, der wird keine Wahl haben, als sich mit dem Iran auseinanderzusetzen und eine Lösung mit denen zu finden – oder sie eben tatsächlich zu besiegen“, so Wimmen abschließend.