Lars Klingbeil ist nicht nur SPD-Chef und Bundesfinanzminister, sondern auch Vizekanzler. Der gebürtige Soltauer hat sich in der SPD hochgearbeitet: vom Generalsekretär über den Parteivorsitz bis an die Spitze der Bundestagsfraktion. Selbst der historische Absturz der SPD bei der Bundestagswahl 2025 mit nur 16,4 Prozent konnte ihm nicht schaden. Stattdessen führte Klingbeil die Sozialdemokraten in eine schwarz-rote Bundesregierung, in der er das mächtige Amt des Bundesfinanzministers übernimmt und Vizekanzler ist. Wer ist der Mann, der sich dieser Mammutaufgabe stellt? Was treibt ihn an – politisch und privat?
Herkunft, Eltern, Familie – Das Privatleben von Lars Klingbeil
Lars Klingbeil wurde am 23. Februar 1978 in Soltau (Niedersachsen) geboren. Er wuchs als Sohn einer Einzelhandelskauffrau und eines Unteroffiziers der Bundeswehr auf. Nach dem Abitur studierte er Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte in Hannover und verbrachte einige Zeit in den USA. Trotz seiner politischen Karriere blieb er seiner Heimatstadt Soltau treu, wo er auch heute noch lebt.
Seit 2019 ist er mit Lena-Sophie Müller verheiratet, der Geschäftsführerin der Digitalisierungsinitiative D21. Für Flitterwochen war bisher keine Zeit. Klingbeil nimmt es gelassen: „Mein Job ist generell nicht ideal für eine Ehe, aber das weiß meine Frau“, sagte er einmal in einem Interview mit der „Rheinpfalz“. Im Sommer 2024 wurde das Paar Eltern eines Sohnes. Klingbeil hält sein Kind bewusst aus der Öffentlichkeit heraus, offenbar weil ihm Gewalt angedroht wurde. Medienanfragen zu seiner Familie beantwortet er nicht.
Im April 2025 machte Klingbeil öffentlich, dass er 2014 eine Zungenkrebs-Erkrankung überstanden hat. Im „Alles gesagt?“-Podcast der „Zeit“ berichtete er, er habe den Krebs damals selbst bemerkt und ärztliche Hilfe gesucht. Es sei „sehr großes Glück gewesen“, dass er erfolgreich behandelt werden konnte. Bislang habe er keinen Rückfall erlitten und gelte als geheilt. Er sprach von einer prägenden Erfahrung.
Karriere in der SPD: Vom Wahlkreisbüro zum Parteivorsitz
Seine ersten Kontakte zur großen Politik knüpfte Lars Klingbeil im Wahlkreisbüro des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Von 2001 bis 2003 arbeitete er dort sowie im Büro des Bundestagsabgeordneten Heino Wiese. 2005 rückte er für den zurückgetretenen Jann-Peter Janssen in den Bundestag nach, verlor seinen Sitz jedoch bei der nächsten Wahl. 2009 gelang ihm das Comeback mit einem klaren Profil in Netzpolitik und Digitalisierung.
2017 nominierte Martin Schulz ihn für den Parteivorsitz. Mit 70,6 Prozent der Stimmen wurde Klingbeil zum SPD-Generalsekretär gewählt. In dieser Funktion organisierte er den Europawahlkampf 2019 und prägte die strategische Neuausrichtung der Sozialdemokraten. 2021 wurde er gemeinsam mit Saskia Esken in den SPD-Vorsitz gewählt. Bei der Bundestagswahl 2021 gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Rotenburg I – Heidekreis. Im Dezember 2021 legte er sein Amt als Generalsekretär nieder, um sich ganz auf den Parteivorsitz zu konzentrieren. Sein Nachfolger wurde Kevin Kühnert, der jedoch im Herbst 2024 seinen Rückzug aus der aktiven Politik ankündigte.
Bei seiner Wiederwahl im Juni 2025 erlitt Klingbeil eine herbe Schlappe: Nur 64,9 Prozent der Delegierten stimmten für ihn, während seine Co-Vorsitzende Bärbel Bas 95 Prozent Zustimmung erhielt. Dies spiegelt die Unzufriedenheit mit seinem konservativen Kurs in der Koalition wider.
Politische Schwerpunkte: Digitalisierung, Verteidigung, soziale Gerechtigkeit
Als Netzpolitiker hat Klingbeil früh erkannt, dass die Digitalisierung die Gesellschaft tiefgreifend verändern wird. Er kämpft für eine moderne digitale Infrastruktur, flächendeckenden Breitbandausbau und stärkere Regulierung großer Tech-Konzerne. Als Befürworter einer starken europäischen Digitalpolitik fordert er eine klare Linie gegenüber Technologiegiganten aus den USA und China.
Die Bundeswehr spielt in Klingbeils Leben eine besondere Rolle – sein Vater diente als Unteroffizier. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 änderte sich seine Einstellung, und er setzt sich seitdem für eine Modernisierung der Bundeswehr ein. Als Mitglied des Verteidigungsausschusses engagiert er sich für bessere Ausrüstung und Finanzierung der Truppe, verbindet Sicherheitspolitik mit diplomatischen Lösungen und betont Deutschlands Bündnistreue in der NATO.
In der Sozialpolitik sprach er sich in der Debatte um Hartz-IV-Sanktionen gegen eine komplette Abschaffung aus und plädierte für Reformen, insbesondere für höhere Mietkostenzuschüsse. Die Abschaffung des Ehegattensplittings für neu geschlossene Ehen sieht er als notwendig an, da es Frauen finanziell benachteilige und traditionelle Rollenbilder zementiere.
Privatleben: Musik und Fußball als Hobbys
Abseits der Politik hat Klingbeil zwei große Leidenschaften: Musik und Fußball. Als Jugendlicher spielte er Gitarre in der Band „Sleeping Silence“, und noch heute stehen in seinem Büro Gitarren bereit. Musik sei für ihn ein kreatives Ventil, um den Kopf freizubekommen, sagte er gegenüber der „SZ“. Außerdem schlägt sein Herz für den FC Bayern München. Seit 2022 ist er Mitglied im Verwaltungsbeirat des Vereins und kümmert sich dort um Digitalisierung und Vereinsentwicklung.
Lars Klingbeil steht an einem entscheidenden Punkt seiner politischen Laufbahn. Nach einer steilen Karriere innerhalb der SPD trägt er nun die Verantwortung, die Partei nach ihrer historischen Wahlniederlage bei der Bundestagswahl 2025 neu auszurichten. Als Stratege, Netzpolitiker und überzeugter Sozialdemokrat vereint er Pragmatismus mit Gestaltungswillen. Ob es ihm gelingt, die SPD wieder auf Kurs zu bringen, wird nicht nur von seinen politischen Entscheidungen abhängen, sondern auch davon, ob er die Partei hinter sich vereinen kann.



