Bluttat in Stade: Sechs Tote in Mutter-Kind-Einrichtung
Am Montag hat ein Mann in einer Schutzeinrichtung für Mütter und Kinder in Stade (Niedersachsen) mutmaßlich sechs Menschen erschossen. Drei der Opfer waren Mitarbeiter der Einrichtung, drei weitere Angestellte des Jugendamts der Region Hannover. Hintergrund ist vermutlich ein Konflikt um das Sorgerecht für die dreijährige Tochter des Täters. Medienberichten zufolge hatte das Jugendamt das Kind aus der Familie genommen, der Mutter aber den Kontakt im betreuten Umfeld der Jugendhilfeeinrichtung erlaubt.
Der Hauptverdächtige hatte am Montag einen Termin in der Einrichtung, während dessen er das Feuer auf die Angestellten eröffnete. Er befindet sich in Polizeigewahrsam. Die Mutter und das Kind sind nicht unter den Opfern.
Gewalt gegen Staatsbedienstete: Ein wachsendes Phänomen
Zweifellos handelt es sich um einen außergewöhnlich brutalen Akt der Gewalt. Als Extremfall ist die Tat aber Teil eines größeren Phänomens: Gewalt gegen Repräsentanten des Staates und all diejenigen, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen – etwa Schutz und Fürsorge für Kinder und ihre Mütter zu organisieren.
Im Bereich der Jugendhilfe ist Gewalt leider nicht die Ausnahme, sondern Alltag. Sozialforscher Nikolaus Mayer von der Hochschule Fulda hat Beschäftigte nach ihren Gewalterfahrungen befragt. „Im Bereich der Jugendhilfe ist Gewalt leider nicht die Ausnahme, sondern Alltag“, sagt Meyer, der an der Hochschule Fulda zur Professionalisierung Sozialer Arbeit forscht.
Zahlen belegen Zunahme von Gewalt gegen Rettungskräfte
Anfang Februar starb der Zugbegleiter Serkan Çalar, nachdem ein Mann bei einer Fahrkartenkontrolle auf ihn eingeschlagen hatte. Die Tat löste bundesweit Entsetzen aus. In einer Erhebung der Universität Bielefeld gab mehr als jeder Dritte der befragten Zugbegleiter an, im vergangenen Jahr körperlich angegriffen worden zu sein. Einer Befragung der Eisenbahngewerkschaft EVG zufolge denkt rund ein Drittel der Zugbegleiter über Kündigung nach – die meisten, weil sie sich nicht sicher fühlen.
Für Empörung sorgten auch die massiven Angriffe auf Einsatzkräfte in der Berliner Silvesternacht 2022/2023. Besonders die Zahl von Gewalttaten gegen Rettungskräfte und medizinisches Personal im Dienst hat sich in den vergangenen Jahren überproportional erhöht. Während die Zahl der in Deutschland insgesamt verübten Gewaltverbrechen laut Polizeilicher Kriminalstatistik seit 2018 um rund 20 Prozent anstieg, nahmen Gewalttaten gegen Rettungskräfte um etwa 40 Prozent zu.
Jugendhilfe: Hohe Gewaltbelastung für Beschäftigte
Ende 2024 hat Meyer gemeinsam mit der Gewerkschaft Verdi über 6300 Beschäftigte in verschiedenen Bereichen der Sozialen Arbeit nach ihren Gewalterfahrungen befragt. Bei Beschäftigten in der stationären Jugendhilfe gaben etwa neun von zehn Befragten an, psychische Gewalt vonseiten der Kinder und ihrer Eltern erlebt zu haben, etwa 64 Prozent auch tätliche Übergriffe. Andersherum hätte etwa ein Viertel der Befragten aber auch physische Gewalt von Beschäftigten an Kindern oder Eltern erlebt. Auch bei den Jugendämtern sind die Zahlen hoch: Fast jede und jeder zweite Beschäftigte gab an, körperliche Gewalt vonseiten der Kinder oder ihrer Eltern erlebt zu haben.
Für Meyer sind es vor allem die Arbeitsbedingungen, die eine Kultur schaffen, in der Übergriffe möglich werden. „Unsere Analyse zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen prekären Bedingungen wie Personalmangel und damit verbundener Überlastung und einem Anstieg von Gewalt“, sagt er. „Es ist keine Seltenheit, dass binnen eines Jahres die Hälfte des Personals in einer Einrichtung wechselt. Unter diesen Umständen gelingt oft keine ausreichende Einarbeitung in Schutzkonzepte und pädagogische Ideen der Einrichtung.“



