Jäger der verlorenen Klänge: Illegale Konzertaufnahmen für immer
Illegale Konzertaufnahmen: Jäger der verlorenen Klänge

Vor mehr als 40 Jahren begann Aadam Jacobs, Konzerte mitzuschneiden. Manchmal wurde er erwischt und rausgeworfen. Seine einzigartige Sammlung aber kann jetzt jeder anhören.

Von Steffen Könau Aktualisiert: 27.04.2026, 11:22

Chicago/MZ. - Es ist ein Mittwochabend im September 1989, als Aadam Jacobs seine Sachen packt. Der 22-Jährige aus Chicago im US-Bundesstaat Illinois hat seinen kleinen Sony-Rekorder eingesteckt, die Teac-Mikrofone sind getestet. Jacobs, den sie den „Chicago Tapehead“ nennen, ist bereit zur Jagd. Kein musikalisches Großwild heute. Die Band, die im Cabaret Metro Club spielt, heißt Nirvana. Junge Kerle aus Seattle, die karierte Hemden tragen. Völlig unbekannt.

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Ein Leben für die verlorenen Klänge

Seit über vier Jahrzehnten ist Aadam Jacobs als heimlicher Konzertaufnehmer unterwegs. Seine Leidenschaft begann in den frühen 1980er Jahren, als er als Teenager seine ersten Mitschnitte von lokalen Bands in Chicago machte. Im Laufe der Jahre entwickelte er eine beeindruckende Sammlung, die Tausende von Konzerten umfasst – von Underground-Acts bis hin zu Weltstars wie Nirvana, bevor sie berühmt wurden.

Jacobs Vorgehen war stets riskant. In vielen Clubs und Konzerthallen ist das Aufzeichnen von Musik strikt verboten. Immer wieder wurde er erwischt und des Lokals verwiesen. Manchmal musste er seine Aufnahmen sogar löschen. Doch der „Chicago Tapehead“ ließ sich nicht entmutigen. Er verbesserte seine Tarnung, nutzte kleinere Geräte und entwickelte Strategien, um unentdeckt zu bleiben.

Die digitale Wiederbelebung

Was lange Zeit nur im Verborgenen existierte, ist nun für die ganze Welt zugänglich. Jacobs hat seine Sammlung digitalisiert und auf einer eigenen Webseite veröffentlicht. Musikliebhaber und Historiker können nun in die Klangwelt vergangener Jahrzehnte eintauchen. Die Aufnahmen bieten einen einzigartigen Einblick in die Live-Atmosphäre von Konzerten, die oft nur einmal stattfanden.

Besonders wertvoll sind die Mitschnitte von Bands, die später Weltruhm erlangten. Das Nirvana-Konzert von 1989 ist nur ein Beispiel. Zu dieser Zeit war die Band noch unbekannt, ihr späterer Durchbruch mit „Nevermind“ lag noch in der Zukunft. Jacobs Aufnahme fängt die rohe Energie und den unverfälschten Sound der frühen Jahre ein.

Rechtliche Grauzone

Die Veröffentlichung der Aufnahmen bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Während das reine Anfertigen von Mitschnitten oft gegen die Hausordnung verstößt, ist die Verbreitung urheberrechtlich problematisch. Jacobs betont, dass er keine kommerziellen Absichten verfolgt. Die Sammlung diene der Bewahrung von Musikgeschichte. Dennoch könnte es zu rechtlichen Auseinandersetzungen kommen, falls Künstler oder Plattenfirmen Einspruch erheben.

Bislang gab es jedoch kaum Beschwerden. Viele Musiker zeigen sich sogar begeistert, dass ihre frühen Werke nicht in Vergessenheit geraten. Für Fans und Forscher ist die Sammlung eine Goldgrube. Sie dokumentiert die Entwicklung von Musikstilen und die Live-Kultur vergangener Jahrzehnte.

Jacobs selbst sieht sich als Archivar. „Diese Klänge sind ein Teil unserer Kultur“, sagt er. „Sie sollten nicht verloren gehen.“ Seine Arbeit erinnert an die legendären Bootleg-Sammler der 1970er Jahre, die oft unter Lebensgefahr Aufnahmen von Konzerten schmuggelten. Heute ist das Internet ihr Schaufenster.

Die Zukunft der Sammlung ist ungewiss. Jacobs hofft, dass sie in einem Archiv oder Museum einen festen Platz findet. Bis dahin bleibt sie online und wächst stetig weiter. Jedes Jahr kommen neue Mitschnitte hinzu – heimlich, illegal und für immer.

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