Projekt macht Grundschüler psychisch fit: Detektivarbeit am Wimmelbild
Detektivarbeit am Wimmelbild macht Schulkinder fit

Es mag leicht sein, sich über Mathilda, Oskar oder Ari lustig zu machen – solange man nicht weiß, wie es um deren Zuhause steht. Um Angehörige mit psychischen Problemen oder Suchtkrankheiten zum Beispiel: Es kann viele Gründe geben, warum Kinder „anders“ sind, nicht dazugehören. Darüber spricht man nicht? Doch, gerade, findet Katharina Krietemeyer, die das Projekt „Unsere ‚verrückten‘ Familien“ in die Grundschulen der Mecklenburgischen Seenplatte bringt.

Keineswegs zu früh für das Thema

Mit Dritt- und Viertklässlern über psychische Gesundheit zu sprechen, ist keineswegs zu früh, findet die 36-Jährige, die sich im Gesundheitsamt der Kreisverwaltung gemeinsam mit ihrem Team um Gesundheitsmanagement und Präventionsarbeit kümmert. Schließlich sind Kinder durch soziale Medien, Nachrichten aus der Weltpolitik und die Situation vieler Familien alltäglich mit Konflikten konfrontiert, die sie belasten.

Zum Glück, wie Krietemeyer findet, gelingt es aber auch immer mehr, psychische Probleme aus dem „Darüber spricht man nicht“-Tabu zu holen. Der Landkreis Seenplatte beteiligt sich seit anderthalb Jahren am Projekt „Psychisch fit in der Grundschule“ der bundesweit tätigen Initiative „Irrsinnig menschlich“, die dafür kindgerechtes Material zur Verfügung stellt und Multiplikatoren schult.

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Den meisten Schulen ist das – übrigens kostenfreie – Angebot sehr willkommen, so die Erfahrung von Katharina Krietemeyer. Einerseits, weil der Unterrichtsrahmen wenig Raum für solche Themen lässt, aber auch, weil sich derlei mit anderen als den alltäglich vertrauten Personen unbefangener behandeln lässt.

Kinder erkunden Lebenssituation fiktiver Familien

Dem Vorbehalt mancher Eltern, dass dabei schwierige persönliche Verhältnisse „aufgedeckt“ werden könnten, tritt die Fachfrau energisch entgegen. Vielmehr arbeite das Projekt mit fiktiven, trotzdem aber realistischen Geschichten, denen die Kinder detektivisch nachspüren.

Ausgehend von riesigen Wimmelbildern, die Familien in deren Zuhause zeigen, erkunden sie die Lebenssituation einiger Bewohner, recherchieren Details aus dem Leben von Mathilda, Oskar, Ari und anderen. Da sind Ängste erkennbar, Sorgen, Schmerzen oder Sucht. Da gibt es einen Vater, der vom Alkohol, und einen Bruder, der vom Computer-Zocken nicht lassen kann. Da ist ein Kind, das sich allein um den Haushalt kümmert, weil die Mama es nicht schafft. Es gibt jede Menge Beispiele, an denen sich die Unterschiede zwischen einer körperlichen Erkrankung und einem seelischen Problem bereden lassen.

Botschaft gegen Angst und Schuldgefühle

„Wie erkläre ich Kindern eine Depression?“, ist eine der Fragen, mit denen sich Katharina Krietemeyer und ihre Mitstreiter auseinandersetzen. Mindestens ebenso wichtig ist ihnen, zu vermitteln, an wen sich Kinder wenden können, um in schwierigen Situationen Hilfe zu bekommen. „Du bist nicht allein“, ist eine grundlegende Botschaft des Projekts, und eine weitere: „Du bist nicht schuld!“ Denn gerade dies empfinden viele Kinder, wenn es zu Hause Probleme gibt.

Bei den Projekttagen, die jeweils auf einen Vormittag von fünf Unterrichtsstunden angelegt sind, wird daher auch auf Hilfsangebote verwiesen. Unter anderem gibt es das Projekt KipsFam für Kinder aus psychisch oder suchtbelasteten Familien, das in der Seenplatte mit acht Regionalstellen etwa in Malchin, Neubrandenburg und Woldegk präsent ist. Als wertvolle Partner erlebt Katharina Krietemeyer zudem den Gemeindepsychiatrischen Verbund, den Landesverband Sozialpsychiatrie – und natürlich Kollegen in- und außerhalb der Kreisverwaltung, die wie sie in die Schulen gehen.

Projekte auch für die Großen

Und es bleibt keineswegs beim Engagement in den Grundschulen: Sogar schon länger als „Unsere ‚verrückten‘ Familien“ ist der Landkreis auch mit dem Angebot „Verrückt? Na und!“ für die Sekundarstufe aktiv. Dieses Programm ist verbunden mit Erfahrungsberichten eines Betroffenen, der als persönlicher Experte über die Auswirkungen seiner Erkrankung auf sein persönliches, berufliches, soziales Umfeld berichtet. Dafür soll gerade ein neuer Mitstreiter gewonnen werden, deutet die Präventionsfachfrau an.

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Künftig möchte sie zudem ein Projekt zum Thema Mobbing entwickeln – und natürlich ihr Netzwerk von Partnern und Schulen, bei denen mit einer groß angelegten Befragung der Bedarf erkundet worden war: „Es soll keinen mehr geben, der nicht weiß, was wir hier machen!“

Interessenten an diesen Projekten oder weiteren Präventionsangeboten im Landkreis Seenplatte können das Team des Gesundheitsamtes über die Mail-Adresse [email protected] kontaktieren.