Tschernobyl-Überlebender flieht vor Putin: Die zweite Katastrophe
Tschernobyl-Überlebender flieht vor Putin

Oleksiy Breus (67) hat zwei der größten Katastrophen seiner Heimat seit 1945 überlebt: die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und den russischen Überfall auf die Ukraine. Jetzt lebt er in einem Flüchtlingsheim in der Schweiz.

Der Morgen des Super-GAU

Am 26. April 1986 kam der damals 27-jährige Breus um kurz nach 7 Uhr zur Schicht in Block vier des Atomkraftwerks Tschernobyl. Was er sah, ließ ihn erstarren: Der Reaktor lag offen, Rauch stieg in den Himmel. Im meterdicken Betonschutzmantel klaffte ein tödliches Loch. Ein Wachmann im Gummischutzanzug verteilte Kaliumiodid-Tabletten. Niemand sprach aus, was längst klar war: Super-GAU.

Der sinnlose Befehl aus Moskau

Trotz der Gefahr ging Breus in den Kontrollraum. Die Instrumente zeigten das Schlimmste. Dennoch kam der Befehl aus Moskau: Weiter kühlen! Als leitender Blocksteuerungs-Ingenieur sollte er Kühlwasser in den Reaktor pumpen. Er wusste, dass es sinnlos war, aber er musste gehorchen. Stundenlang kämpfte er mit Kollegen, versuchte Pumpen zu starten, während sich schon die ersten Zeichen der Strahlenkrankheit zeigten.

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Der letzte im Kontrollraum

Als am Nachmittag die letzte Pumpe ausfiel, gab es keine Chance mehr. Oleksiy Breus war der letzte im Kontrollraum. „Wie nie zuvor herrschte dort eine gespenstische Stille. Zum ersten Mal war ich allein. Kein Summen von Maschinen, nur das Knirschen meiner Plastikgaloschen. So kam mir die zweifelhafte Ehre zu, den letzten Knopf am Kontrollpult zu drücken“, erzählt er.

Das Wunder des Überlebens

Oleksiy Breus überlebte. Während viele seiner Kollegen an der Strahlenkrankheit starben, ging es für ihn trotz mehrerer Lungenerkrankungen irgendwie weiter. Wahrscheinlich, weil der Kontrollraum relativ gut geschützt war und er sehr früh Jodtabletten bekommen hatte.

Die zweite Katastrophe

Dann kam der 24. Februar 2022. Wladimir Putin hatte die Invasion der Ukraine angeordnet. Sirenen heulten. Breus saß im Keller einer Schule mit Hunderten Nachbarn. Russische Truppen besetzten das Gebiet um Tschernobyl, seine alte Arbeitsstätte. Diesmal hatte er Angst. Anders als Radioaktivität folgt der Krieg keinen festen Regeln.

Breus gelang die Flucht im Zug nach Polen. Wenige Kilometer entfernt wurde ein anderer Zug beschossen. Doch wieder kam er durch – bis in die Schweiz. Dort lebt er mit seiner Frau in einem Flüchtlingsheim, von Sozialhilfe und einer kleinen Tschernobyl-Rente. Er lernt Deutsch und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Aber die Gedanken sind in der Heimat.

„Die Ukraine ist mein Zuhause“, sagt Breus leise. Wenn der Krieg vorbei ist, will er zurück. Dann soll es für immer sein: „Ich musste zweimal evakuiert werden. Einmal vor der Strahlung, einmal vor der Armee.“

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