Rund 400 Fußgänger sterben jährlich im deutschen Straßenverkehr. Unfalldaten zeigen, dass sie häufig beim Überqueren der Straße verunglücken. Experten fordern deshalb Tempo 30 als Regel statt Ausnahme innerorts.
Ein Crashtest in Münster im Auftrag der Björn Steiger Stiftung verdeutlicht die schweren Folgen: Ein Auto erfasst einen Fußgänger-Dummy mit 40 Stundenkilometern frontal. Die Windschutzscheibe zersplittert, der Dummy wird meterweit geschleudert. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Stiftung, sagt: „Was wir hier haben, sind schwerste Kopfverletzungen, viele Knochenbrüche, wahrscheinlich auch ein Genickbruch.“ Ein Fußgänger hätte wohl keine Chance gehabt.
Fußgänger verunglücken häufig beim Queren der Straße
Eine Analyse der Unfallforschung der Stiftung untersuchte das Unfallgeschehen zwischen 2021 und 2024 und wertete mehr als 1.700 polizeiliche Unfallberichte aus. Die Daten zeigen: Wer als Fußgänger schwer oder tödlich verunglückt, hat oft versucht, eine Straße abseits von Kreuzungen zu überqueren. Der sogenannte Überschreiten-Unfall macht 60 Prozent aller Autounfälle mit Fußgängerbeteiligung aus, gefolgt von Abbiegeunfällen mit 29 Prozent.
Die Mehrheit dieser Unfälle passiert auf Strecken mit erlaubten 50 km/h. Die Fachleute fordern daher eine deutliche Reduktion der Regelgeschwindigkeit innerorts auf Tempo 30.
Warum weniger Tempo einen großen Unterschied macht
„20 Stundenkilometer können den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen“, sagt Brockmann. Der verlängerte Reaktionsweg bei Tempo 50 verhindert oft ein rechtzeitiges Ausweichen, während bei Tempo 30 noch genug Zeit zum Bremsen bleibt. „Das ist eine lebensrettende Maßnahme erster Ordnung.“
Brockmann wünscht keine flächendeckende Tempo-30-Zone, sondern eine „Umkehr von Regel und Ausnahme“. Schnelleres Fahren solle nur auf größeren Hauptstraßen erlaubt sein. Bei der aktuellen Gesetzeslage sei es für Planer schwierig, Tempo 30 durchzusetzen, und für Autofahrer seien ständig wechselnde Begrenzungen unübersichtlich.
Kinder und Senioren sind besonders gefährdet
Laut Statistischem Bundesamt war 2024 rund jeder dritte Unfalltote innerorts ein Fußgänger. Besonders betroffen sind sehr junge und sehr alte Menschen. Senioren werden oft übersehen, Kinder treten hinter Hindernissen wie parkenden Autos hervor. „Eltern müssen ihre kleinen Kinder unbedingt im Blick haben“, mahnt Brockmann.
Senioren sterben häufiger bei Kollisionen: 62 Prozent der getöteten Fußgänger bei Überschreiten-Unfällen innerorts waren älter als 75 Jahre. „Hochbetagte können nicht mal eben zum nächsten Zebrastreifen laufen, sie queren die Straße dort, wo sie sind“, erklärt Brockmann. Zudem seien sie verletzlicher.
Experte: Viele Überwege vermitteln Scheinsicherheit
Es brauche mehr Querungshilfen wie Ampeln, Zebrastreifen oder Mittelinseln an Stellen mit viel Fußgängerbetrieb. Doch die Analyse zeigt: Jeder vierte schwere Unfall beim Überqueren passierte an einem Überweg. Drei Viertel der Anlagen wiesen Mängel auf: schlechte Einsicht durch Buschwerk, parkende Autos, verblasste Markierungen oder fehlende Schilder. „Solche Anlagen vermitteln eine Scheinsicherheit und sind inakzeptabel“, so Brockmann.



