Paare, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen, stehen oft vor der Frage: Wie viele Embryonen sollen eingesetzt werden? Viele entscheiden sich aus Angst, eine Chance zu verschenken, für zwei Embryonen. Doch zwei neue Auswertungen zeigen, dass diese Annahme trügerisch ist. Ein einzelner Embryo reicht in den meisten Fällen aus, um eine Schwangerschaft zu erreichen, und vermeidet zudem unnötige Risiken.
Studien belegen: Ein Embryo genügt
Die Auswertungen, über die der Tagesspiegel berichtet, basieren auf umfangreichen Daten aus der Kinderwunschmedizin. Sie belegen, dass der Transfer eines einzelnen Embryos (Single-Embryo-Transfer, SET) eine nahezu gleich hohe Erfolgsrate erzielt wie der Transfer von zwei Embryonen. Gleichzeitig sinkt das Risiko für Mehrlingsschwangerschaften und damit verbundene Komplikationen wie Frühgeburten oder niedriges Geburtsgewicht deutlich.
„Viele Paare glauben, mit zwei Embryonen die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft zu verdoppeln“, erklärt ein Experte der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Tatsächlich ist der Unterschied minimal, während die Risiken exponentiell steigen.“
Risiken von Mehrlingsschwangerschaften
Mehrlingsschwangerschaften gelten in der Medizin als Hochrisikoschwangerschaften. Sie erhöhen die Gefahr von Frühgeburten, Präeklampsie und Kaiserschnitten. Auch für die Kinder steigt das Risiko von Entwicklungsverzögerungen und Langzeitfolgen. Laut den neuen Auswertungen sinkt die Rate an Mehrlingsgeburten durch SET von rund 30 Prozent auf unter 5 Prozent, ohne dass die Gesamterfolgsrate der Behandlung leidet.
In Deutschland werden jährlich über 100.000 künstliche Befruchtungen durchgeführt. Die Kosten tragen die Paare oft selbst, da die Krankenkassen nur teilweise zahlen. Viele hoffen, mit mehreren Embryonen die Erfolgschancen zu maximieren und so Kosten zu sparen. Die Studien widerlegen jedoch diese Rechnung: Die höheren Risiken und möglichen Folgekosten durch Mehrlinge überwiegen den vermeintlichen Vorteil.
Empfehlung der Fachgesellschaften
Die Deutsche Gesellschaft für Reproduktionsmedizin empfiehlt bereits seit Jahren den Single-Embryo-Transfer als Standard. Dennoch entscheiden sich viele Paare und Ärzte aus Unkenntnis oder Druck der Patienten für den Transfer mehrerer Embryonen. Die neuen Daten sollen dazu beitragen, diese Praxis zu ändern.
„Die Aufklärung der Paare ist entscheidend“, betont ein Sprecher der Bundesärztekammer. „Sie müssen verstehen, dass ein Embryo nicht nur ausreicht, sondern auch die sicherere Option ist.“
Gesetzliche Regelungen und Kosten
In einigen Ländern wie Schweden oder Belgien ist der SET bereits gesetzlich vorgeschrieben. In Deutschland gibt es keine solche Regelung, aber die neuen Studien könnten die Diskussion darüber neu entfachen. Die Kostenersparnis für das Gesundheitssystem wäre erheblich, da Mehrlingsgeburten oft intensivmedizinische Betreuung erfordern.
Die Autorin Miray Caliskan fasst zusammen: „Die neue Formel der Kinderwunschmedizin lautet: Weniger ist mehr. Ein einzelner Embryo reicht – für die Gesundheit von Mutter und Kind und für den Behandlungserfolg.“



