Berlin steht nach Einschätzung einer unabhängigen Expertenkommission im Katastrophenfall blank da und muss dringend nachrüsten. Der Bericht, der am Montag im Roten Rathaus vorgestellt wurde, zieht ein vernichtendes Fazit: „Der Terroranschlag auf das Stromnetz im Januar 2026 war ein Signal für Berlin und andere Städte. Die Bewältigung der Lage führte Berlin an die Belastungsgrenze.“
Weckruf nach Blackout: „Letzte Schnarchnase“ habe begriffen
Der Anschlag mutmaßlicher Linksextremisten auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal hatte tagelange Strom- und Heizungsausfälle mitten im Dauerfrost verursacht. Zwischenzeitlich waren bis zu 100.000 Menschen betroffen. Der ehemalige THW-Präsident Albrecht Broemme, Mitglied der Kommission, nannte den Vorfall einen „Weckruf, der vieles verbessert hat und auch verbessern wird“. Er fügte hinzu: „Mittlerweile hat auch die letzte Schnarchnase begriffen, dass sie Teil der Resilienz-Strategie ist.“
Schwachstellen: Kommunikation und Notstromversorgung
Die Kommission identifizierte eine Reihe von Schwachstellen im Umgang mit der Krise. Dazu gehören unzureichende Kommunikation mit der Bevölkerung sowie Mängel bei der Notstromversorgung. Insgesamt arbeiteten die Expertinnen und Experten 150 Einzelmaßnahmen heraus. Als Ziel gab die Kommission aus, dass alle betroffenen Akteure bis spätestens 2029 in der Lage sein müssten, den Betrieb ihrer Kernfunktionen über zehn Tage zu gewährleisten.
Neue Strukturen: Lagezentrum und Chief Resilience Officer
Als Konsequenz regt die Kommission an, ein Lage- und Krisenzentrum aufzubauen, das alle Krisenstäbe im Land und mit der Bundesebene verbinden soll. Außerdem empfiehlt sie, einen sogenannten Chief Resilience Officer (CRO) bei der Senatskanzlei auf Staatssekretärsebene zu etablieren. Nötig seien auch deutlich mehr Übungen als Vorbereitung auf Krisenfälle.
Berlin als „Modellstadt der Krisenfestigkeit“
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betonte bei der Vorstellung des Berichts: „Berlin als Bundeshauptstadt hat natürlich eine besondere Bedrohungslage.“ Er kündigte an, Berlin solle zu einer „Modellstadt der Krisenfestigkeit“ werden. Dafür müsse man deutlich mehr in die Krisenfestigkeit investieren als andere Bundesländer. „Wir werden im Haushalt umsteuern müssen, wir müssen andere Prioritäten setzen“, so Wegner.
Mehr als nur Stromausfall: Hitze und militärische Intervention
Das Szenario eines weiteren großflächigen Stromausfalls ist nur eines von vielen in dem Bericht. So geht es auch um einen möglichen Klimanotstand durch Hitze oder eine theoretische militärische Intervention. Ex-Brigadegeneral Uwe Nerger, ebenfalls Mitglied der Kommission, erklärte: „Eine mögliche militärische Intervention wird nicht in Wanne-Eickel, sondern in Berlin stattfinden.“
Zu der Expertenkommission gehören neben Broemme und Nerger auch die frühere Bahn-Managerin Sigrid Nikutta und der Vorstandsvorsitzende der Charité, Heyo Kroemer. Der Bericht wurde mit Unterstützung der dpa erstellt.



