Die Wirtschaftskrise hinterlässt tiefe Spuren in der Unternehmenslandschaft Westeuropas. Laut der Wirtschaftsauskunftei Creditreform erreichte die Zahl der Firmenpleiten im Jahr 2025 den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2002. Insgesamt wurden gut 197.610 Insolvenzen registriert, ein Anstieg um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Es ist der vierte Anstieg in Folge. In Deutschland allein meldeten rund 24.000 Unternehmen Insolvenz an, was einem Plus von 8,8 Prozent entspricht und den höchsten Wert seit 2014 darstellt.
Strukturelle Krise belastet Unternehmen
Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung, betont, dass die Krise nicht nur konjunktureller, sondern auch struktureller Natur sei. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzten den europäischen Unternehmen zu. Gleichzeitig hemmten hohe Energiepreise und übermäßige Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere im Vergleich zu den USA und China. „Diese doppelte Belastung frisst sich tief in die Substanz vieler Betriebe“, so Hantzsch. Für das laufende Jahr wird eine weitere Zunahme der Insolvenzen erwartet.
Das Insolvenzniveau in Westeuropa liegt laut Hantzsch sogar höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. Zwar habe sich die Dynamik zuletzt etwas abgeschwächt, doch die Situation bleibe auf einem hohen Niveau. Besonders betroffen sind Länder wie die Schweiz, wo die Insolvenzen um 35,3 Prozent zunahmen – unter anderem aufgrund einer Gesetzesverschärfung bei der Vollstreckung öffentlich-rechtlicher Forderungen. Auch Griechenland (+24,4 Prozent), Finnland (+12,1 Prozent) und Deutschland (+8,8 Prozent) verzeichneten überdurchschnittliche Anstiege.
Ungleiche Entwicklung in Europa
In sechs westeuropäischen Ländern ging die Zahl der Firmenpleiten jedoch zurück, darunter die Niederlande, Irland und Norwegen. Hantzsch sieht darin eine zunehmende wirtschaftliche Divergenz: „Europa entwickelt sich zunehmend auseinander, und die wirtschaftliche Schwäche der zentralen Industrieländer wirkt als Belastungsfaktor für den gesamten Kontinent.“ Die Insolvenzquoten variieren stark: Luxemburg führt mit 243 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen, gefolgt von der Schweiz (197) und Dänemark (168). Deutschland liegt mit 77 im Mittelfeld, während Griechenland (3) und die Niederlande (13) die niedrigsten Quoten aufweisen.
Dienstleistungssektor am stärksten betroffen
Die Insolvenzentwicklung unterscheidet sich je nach Wirtschaftsbereich. Im Dienstleistungssektor stiegen die Fälle um 8,7 Prozent, im verarbeitenden Gewerbe um 3,6 Prozent, während der Anstieg im Handel und Gastgewerbe (+3 Prozent) sowie im Baugewerbe (+0,1 Prozent) geringer ausfiel. Die Krise beschränke sich längst nicht mehr auf die Industrie, erklärt Hantzsch. Eine schwache Konsumneigung und anhaltender Preisdruck belasteten vor allem konsumnahe Branchen. Der Dienstleistungssektor verzeichnete mit 43 Prozent den größten Anteil aller Insolvenzen.
In Mittel- und Osteuropa sank die Zahl der Insolvenzen zuletzt, was Experten auf Nachholeffekte nach der Corona-Pandemie zurückführen. Dennoch bleibe das Insolvenzniveau in vielen Branchen weiterhin hoch. Die Daten von Creditreform sind nur bedingt vergleichbar, da sich das Insolvenzrecht der Länder teils erheblich unterscheidet und Unternehmensaufgaben nicht überall formal abgewickelt werden.



