Sechs Millionen Tote ruhen unter der Stadt: Pariser Katakomben wieder zugänglich
Nach einem halben Jahr der Dunkelheit und umfangreichen Sanierungsarbeiten öffnen die berühmten Pariser Katakomben wieder ihre Tore für Besucher. In den unterirdischen Gängen lagern die Gebeine von etwa sechs Millionen Menschen – ein makaberes Erbe, das nun besser geschützt werden soll.
Ein historischer Ort in akuter Gefahr
Isabelle Knafou, die Leiterin des Museums, warnt eindringlich vor der Bedrohung dieses einzigartigen Ortes. Seit über zwei Jahrhunderten ist die unterirdische Anlage für die Öffentlichkeit zugänglich, was zu einer kontinuierlichen Belastung geführt hat. Die tägliche Besucherflut von bis zu 600.000 Menschen jährlich hat das empfindliche Mikroklima nachhaltig verändert.
In den feuchten Gängen, wo die Luftfeuchtigkeit konstant bei etwa 90 Prozent liegt, haben sich Mikroorganismen ausgebreitet, die die jahrhundertealten Gebeine angreifen und langsam zersetzen. Das von Besuchern eingeschleppte Kohlendioxid und verschiedene Bakterien beschleunigen diesen Verfallsprozess zusätzlich.
Moderne Technologie als Rettungsanker
Um dieses kulturhistorische Erbe für kommende Generationen zu bewahren, wurden nun moderne Luftaufbereitungssysteme installiert. Diese technischen Neuerungen sollen das empfindliche Klima stabilisieren und den weiteren Verfall der menschlichen Überreste verlangsamen.
Die neue Beleuchtung enthüllt zudem bisher verborgene Details der makabren Architektur. Die monumentalen Wände aus sorgfältig geschichteten Schädeln und Knochen werden in einem neuen Licht präsentiert und zeigen die ganze Dimension dieser ungewöhnlichen Begräbnisstätte.
Historischer Hintergrund: Als Paris seine Toten in die Tiefe verbannte
Die Entstehung der Katakomben geht auf das 18. Jahrhundert zurück, als Paris mit einem gravierenden Problem kämpfte: Die städtischen Friedhöfe waren hoffnungslos überfüllt, Leichen stapelten sich und die Lebenden fürchteten um ihre Gesundheit durch drohende Seuchen.
Die Lösung fand sich in den verlassenen Steinbrüchen unter der Stadt. Ab dem Jahr 1786 begann die systematische Verlegung von Gebeinen in die unterirdischen Hohlräume. Insgesamt fanden etwa sechs Millionen Skelette hier ihre letzte Ruhestätte. Erst 1809 öffnete die Anlage für Besucher, und 1810 erhielten die chaotisch abgelegten Gebeine ihre charakteristische, geordnete Anordnung.
Berühmte Namen in der anonymen Masse
Unter den Millionen anonymen Toten sollen sich auch die Gebeine bekannter Persönlichkeiten befinden. Der Dramatiker Molière und der Dichter Jean de La Fontaine gehören zu den prominenten Namen, deren Knochen irgendwo in dieser gewaltigen Ansammlung menschlicher Überreste vermutet werden.
Mit der Wiedereröffnung wird dieses einzigartige unterirdische Labyrinth nun wieder zugänglich – ein Ort, der gleichermaßen fasziniert und erschüttert. Sechs Millionen individuelle Geschichten liegen hier begraben, ein stummer Zeuge der Pariser Stadtgeschichte, der nun mit modernster Technik vor dem endgültigen Verfall bewahrt werden soll.



