Onkel und Nichte erkunden Kuba per Fahrrad: Abenteuer ohne Luxus und Komfort
Die Welt entdecken – wer möchte das nicht? Doch Dieter Vibrans aus Jägerhof bei Waren an der Müritz ist niemand, der sich dabei einfach per Katalog an vorgefertigte Orte führen lässt. Der 73-Jährige hat seinen eigenen Weg gefunden. Gemeinsam mit seiner Nichte Susanne (41) ist er nach Kuba aufgebrochen – ausschließlich mit Fahrrädern und Zelt als Ausrüstung. Ein Reisebericht der besonderen Art, der von den ersten abenteuerlichen Tagen auf der Karibikinsel erzählt.
Ankunft im Regen und erste Herausforderungen
„Ob wir uns das Reiseziel gut überlegt haben, wurden wir immer mal wieder vor der Reise gefragt“, berichtet Susanne Vibrans. Die Neugier mischte sich mit berechtigter Sorge. Nach einem 14-stündigen Aufenthalt in Toronto unterzogen sie sich einer akribischen Sicherheitskontrolle. Da der Fahrradkarton nicht durch den Scanner passte, musste er geöffnet werden – zum Leidwesen der Reisenden, die ihn in Heidelberg mit fast einer ganzen Rolle Paketklebeband stabilisiert hatten. Doch Sprengstoff wurde nicht gefunden, und so verklebten sie den Karton erneut. Vier Stunden später landeten sie gegen Mittag in Holguín in Kuba, und es regnete. War das der erste Regentag von den prognostizierten ein bis zwei Regentagen im gesamten Februar?
Unterwegs in einer anderen Welt
Sie strampelten an Palmen vorbei Richtung Bayamo und waren nicht allein unterwegs. Einige Menschen überholten sie mit Fahrrädern, gar mit Elektrofahrrädern, einem Elektromotorrad oder Pferdeeinspännern. Wenige Autos kamen vorbei. „Viva la Cuba“, rief Dieter ein paar jungen Leuten zu, und sie erwiderten den Gruß. An Zuckerrohrplantagen, großen umzäunten Weideflächen, einer frei laufenden Rinderherde und einem kleinen Gemüsestand rollten sie vorbei.
Der Sonnenuntergang in grandiosen Farben trieb zur Eile, und sie bogen von der Straße ab. Mit dem lehmigen Untergrund hatten sie nicht gerechnet, und nach wenigen Metern rollte nichts mehr. Mit einem Zuckerrohrstrunk befreiten sie die Räder und schoben noch ein Stück. Dann schlugen sie das Zelt in einer Zuckerrohrplantage auf. Wat mut, dat mut, sagt der Mecklenburger – und wenn es ein Plumpsklo ist.
Begegnungen mit Einheimischen und kuriosen Momenten
Am nächsten Tag ging es weiter. Sie sichteten wachsende Zäune entlang der Weiden und Vorgärten, die aus gepflegten, aufgereihten Kakteengewächsen bestanden. Da braucht es keinen Elektrozaun, um die Tierherden beisammen zu halten. Schulkinder und Erwachsene warteten an Bushaltestellen oder fuhren mit den unterschiedlichsten Transportmitteln wie Lkw-Ladeflächen, auf dem Gepäckträger oder mit Fahrzeugen der Marke Eigenbau durch die grüne Landschaft.
Ein Friseurbesuch ergab sich kurze Zeit später für Dieter. Es war rührend, mit welcher Sorgfalt der Herr vorging. Den Haartrimmer testete er kurz an seinem eigenen Bart, und ein heißer Waschlappen wurde auch zuerst auf seiner eigenen Wange getestet, bevor Dieters Bart darunter verschwand. Getrimmt, gepudert und geölt verließ Dieter etwas befremdet den kleinen Salon.
Geldwechsel und nächtliche Überraschungen
Sie begegneten zufällig dem Einheimischen Carlos, der gerade seine Acrylmalereien aufhängte, und es stellte sich heraus, dass er Deutsch spricht. Da sie unbedingt Geld wechseln mussten, empfahl er ihnen eine Privatperson, da die Banken sehr schlechte Wechselkurse anbieten. Ein paar Querstraßen weiter traf Susanne eine stattlich gebaute Person in deren Wohnzimmer an. Die Zählmaschine spuckte im Tausch gegen 100 Euro 200-Peso-Scheine aus, und zwar 265 Stück.
Bald begegneten sie Jörg, einem Lehrer aus Hannover, der ein Sabbatical von einem halben Jahr nahm. Er gab ihnen wertvolle Empfehlungen, und sie warfen ihre Routenpläne über den Haufen. Die Küstenstraße nach Santiago de Cuba hatte ihm unglaublich gefallen. Am Abend fanden sie ein Plätzchen neben der Hauptstraße hinter einer Bananenplantage auf einem kleinen Weg. Gegen 18 Uhr verkroch sich die Sonne.
Es wurde noch länger erzählt, bis sie Kuhglockengeläut wahrnahmen. Es war ziemlich finster. Plötzlich sahen sie dunkle Schatten kurz vor dem Zelt. Zwei große Ochsenkarren hatten angehalten. Handytaschenlampen wurden auf dem Karren gezückt, und erstaunte „Bicicleta-Fahrrad“-Rufe vernahmen sie. In einem Bogen wurden die angeschlossenen Räder langsam umfahren. Und verdutzt blieben sie zurück. Sie mussten mächtig lachen über diesen kleinen Schockmoment.
Alltag auf kubanischen Straßen
Tag drei startete nach einem Frühstück aus Haferflocken mit Honig, Walnüssen und Wasser, während die ersten Arbeiter zu Pferd oder zu Fuß am Zelt vorbeikamen. Sie grüßten freundlich, mit der langen Machete in der Hand, und ihre Gummistiefel gaben noch eine Weile seufzende Laute von sich auf dem matschigen Weg. Sie hatten sich die Trockenzeit ganz anders vorgestellt. Sie erreichten Manzanillo und wurden vom ersten Strand im Ort enttäuscht. Ein paar Ziegen liefen über angespülten Müll, und das Wasser war nicht einladend, da die Kanalisation an der Stelle ins Meer gespült wurde.
Wasserbeschaffung und ungewöhnliche Toilettenlektüre
Enttäuscht wandten sie sich ab und widmeten sich einer anderen Geschichte – der Wasserbeschaffung. Sie sahen viele Menschen, die sich mit selbst gezimmerten Metallwägelchen, beladen mit Wasserkanistern, den Berg hoch kämpften. Nach etwas Herumfragen fanden sie zwei Zapfstellen. In der Nähe stand ein kleiner Bungalow, und Susanne fragte, ob sie dort auf die Toilette gehen könnte.
Die etwa 60-jährige Frau fütterte gerade ihre Puten hinter dem Haus. Sie habe nur eine Latrine, ein Plumpsklo. Damit Susanne nicht fror, legte sie ein paar Buchseiten auf den zementierten Rand. Diese vergilbten Buchseiten wurden gleichzeitig als Toilettenpapier genutzt, und Susanne entdeckte den Namen Freud in dem spanischen Text. Mit der Übersetzungs-App stellte sich heraus, dass der Text eine Analyse der Aussagen Sigmund Freuds darstellte. Er handelte von Neurosen, die eine Folge unterdrückter eigener Wünsche darstellen.
Insgesamt vier Wochen lang wollen das Onkel-Nichte-Gespann durch Kuba radeln. Ihre Heimkehr haben sie für den dritten März geplant. Auf Achse durch kubanische Städte und Dörfer – das ist das Ziel der elften Reise, die Susanne und Dieter Vibrans angetreten haben. Ein Abenteuer ohne Luxus und Komfort, dafür mit unvergesslichen Begegnungen und Einblicken in den kubanischen Alltag.



