Kerosin-Krise bedroht Sommerurlaub: Flüge könnten teurer und seltener werden
Die bevorstehende Sommerreisesaison steht unter einem dunklen Schatten: Eine akute Kerosin-Knappheit könnte den Luftverkehr in Europa und Deutschland massiv beeinträchtigen. Laut dem Luftverkehrsverband BDL spitzt sich die Lage durch den anhaltenden Iran-Krieg zu, da ein Großteil der Kerosin-Importe aus dem Nahen Osten stammt, wo zahlreiche Ölanlagen zerstört wurden.
Alarmstimmung in der Branche
Der Hauptgeschäftsführer des BDL, Joachim Lang, warnt eindringlich: „Die Sommerreisesaison steht unmittelbar bevor, das Ökosystem Tourismus ist in der Hauptreise- und Geschäftszeit bei ein- und ausreisenden Touristen auf den Luftverkehr angewiesen.“ Airlines prüfen bereits einzelne Verbindungen und entwerfen Krisenszenarien, konkrete Absagen von Ferienflügen gab es bislang jedoch nicht.
Steigende Ticketpreise und reduzierte Verbindungen
Sicher sind hingegen drastisch steigende Ticketpreise. Flüge nach Südostasien oder Australien sind allein wegen des kriegsbedingten Ausfalls der Luftdrehkreuze in den Arabischen Emiraten bereits deutlich teurer geworden. Der Ökonom Gabriel Felbermayr prognostiziert allgemein deutlich höhere Kosten für Flugreisende: „Die Ticketpreise werden stark steigen, damit wird die Nachfrage nach Flugdienstleistungen zurückgehen.“ Dies könnte dazu führen, dass einzelne Flugverbindungen entfallen, weil sie sich wirtschaftlich nicht mehr rechnen.
Erste Auswirkungen bei der Lufthansa
Einen ersten tiefen Einschnitt hat die Lufthansa vollzogen, beschleunigt durch heftige Streiks des fliegenden Personals. Das sofortige Grounding der Regionaltochter Lufthansa Cityline nimmt 27 Maschinen mit ungünstigen Verbrauchswerten aus dem Verkehr, was Lücken im Zulieferverkehr zu den Drehkreuzen Frankfurt und München hinterlässt. Die streikende Gewerkschaft Vereinigung Cockpit prophezeit erhebliche operative und wirtschaftliche Schäden für das Unternehmen.
Globale Versorgungslage angespannt
Die Kerosin-Krise zeigte sich zunächst an asiatischen Flughäfen, die schon vor Wochen keine zusätzlichen Flüge mehr annahmen. Ob und wann sich die Versorgungslage in Europa zuspitzt, hängt laut BDL maßgeblich von der Dauer des Iran-Kriegs ab. Selbst bei einem kurzfristigen Ende werde sich die Lage auf den Energiemärkten nur langsam entspannen. Die Preise für Kerosin haben sich seit Kriegsbeginn mehr als verdoppelt.
Abhängigkeit von Importen und Produktionsrückgang
Der BDL verweist auf Energieexperten, denen zufolge am Persischen Golf mehr als 80 Anlagen teils schwer beschädigt seien. „Die Mineralölwirtschaft geht davon aus, dass noch für längere Zeit 20 Prozent der globalen Öl-Kapazität nicht verfügbar sind“, sagt Lang. Dies verschärft den Wettbewerb um die verbleibenden Mengen. Zudem ist die Produktion von Flugzeugtreibstoff in Europa einschließlich Großbritannien von 2019 auf 2024 um ein Viertel geschrumpft, auch in Deutschland wurden Kapazitäten abgebaut.
Forderungen nach Gegenmaßnahmen
An konkreten Gegenmaßnahmen schlägt der BDL eine enge staatliche Überwachung der vorhandenen Kerosin-Mengen vor. Zudem sollten nationale und europäische Reserven freigegeben werden. Helfen könnten zusätzliche Durchleitungsrechte für die sogenannte Nato-Pipeline, um Flughäfen wie Frankfurt, Köln, München und Zürich besser zu versorgen. Die Branche will zudem von Steuern und Abgaben entlastet werden und fordert, dass Flugausfälle durch Spritmangel als „außergewöhnliche Umstände“ gelten, was Entschädigungen für Passagiere ausschließen würde.
Ausblick und EU-Position
Die EU-Kommission sieht bislang keine Hinweise auf systemische Kraftstoffengpässe, die zu weitreichenden Flugausfällen führen würden. Man beobachte die Lage sehr genau und bereite sich auf koordinierte Maßnahmen vor, sollte die Situation in der Straße von Hormus anhalten. Ersatz-Kerosin kommt derzeit vor allem aus den USA, kann aber nur etwa die Hälfte der ausfallenden Mengen ersetzen, was niedrige Bestände und weiter steigende Preise über den Sommer hinaus drohen lässt.



