Die deutsche Industrie verliert weiterhin massiv Arbeitsplätze. Im verarbeitenden Gewerbe gehen jeden Monat rund 15.000 Stellen verloren, wie die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Andrea Nahles, bei der Vorstellung der Juni-Statistik in Nürnberg mitteilte. In den vergangenen zwölf Monaten summierten sich die Verluste auf 174.000 Arbeitsplätze. Zusammen mit dem Handel sei die Industrie der größte Problemfaktor des Arbeitsmarktes und Ausdruck der schwachen Konjunktur in Deutschland.
Kurzarbeit und hohe Arbeitslosengeldzahlungen belasten die BA
Von den aktuell erhöhten Anzeigen für konjunkturelle Kurzarbeit entfallen zwei Drittel auf das verarbeitende Gewerbe, so Nahles. Da Industriearbeitsplätze vergleichsweise gut bezahlt sind, werden für die BA höhere Zahlungen an Arbeitslosengeld fällig. Das ursprünglich prognostizierte Haushaltsdefizit der BA könnte sich auf acht Milliarden Euro oder sogar mehr verdoppeln.
Der Handel leidet besonders unter der Konsumzurückhaltung, die unter anderem auf den Krieg im Iran und dessen Folgen zurückgeht. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt, dass die Iran-Krise Deutschland 0,3 Prozentpunkte Wachstum gekostet hat. „Das kann in anderen Branchen nicht mehr aufgefangen werden“, erklärte Nahles. Auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) betonte: „Die aktuelle wirtschaftliche Lage bleibt weiter angespannt und stellt vor allem unsere Industrie vor große Herausforderungen.“
Schwache Frühjahrsbelebung im Juni
Die Frühjahrsbelebung am deutschen Arbeitsmarkt fiel auch im Juni schwach aus. Die Zahl der Arbeitslosen sank im Vergleich zum Mai um 15.000 auf 2,936 Millionen, die Arbeitslosenquote fiel um 0,1 Punkte auf 6,2 Prozent. Im Vergleich zum Juni 2025 stieg die Zahl der Arbeitslosen jedoch um 22.000. „Am Arbeitsmarkt ist kaum Veränderung zu sehen. Die Arbeitslosigkeit sinkt nur wenig und die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung setzt ihre leichte Abwärtstendenz fort“, sagte Nahles.
Eine erfreuliche Entwicklung zeigt sich bei der Grundsicherung: Während 90.000 mehr Menschen als vor einem Jahr Arbeitslosengeld beziehen, ist die Zahl der erwerbsfähigen Bürgergeldempfänger um 104.000 gesunken. Dies liegt vor allem daran, dass Menschen aus der Ukraine und aus den acht wichtigsten Asyl-Herkunftsländern Jobs gefunden haben. Der sogenannte Job-Turbo zeige Wirkung. „Da sind auch die Früchte der Sprachkurse zu sehen“, betonte Nahles. Der deutsche Arbeitsmarkt bleibe ein deutschsprachiger Arbeitsmarkt. Insgesamt waren im Juni 7,0 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung auf Hilfeleistungen angewiesen.
Finanzielles Ungleichgewicht und DGB-Warnung
Aus der aktuellen Konstellation erwächst ein finanzielles Problem: Die beitragsfinanzierte Arbeitslosenversicherung trägt die Hauptlast, während das steuerfinanzierte Bürgergeld entlastet wird. Das Defizit der BA könnte sich verdoppeln. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnt die Bundesregierung bereits vor Kürzungen. „Noch nie wurde in den vergangenen Krisen bei steigenden Arbeitslosenzahlen an der Arbeitsverwaltung gespart. Das darf auch diesmal nicht passieren“, sagte Anja Piel, DGB-Vorstandsmitglied und Vorsitzende des Verwaltungsrats der BA.
Die BA sei während der Corona-Pandemie in Vorleistung gegangen, etwa bei der Zahlung von Kurzarbeitergeld. „Man darf sie nun nicht auf dem entstandenen Schuldenberg sitzen lassen“, betonte Piel.
Stabile Nachfrage nach Arbeitskräften und demografische Lücken
Die Nachfrage nach Arbeitskräften hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Im Juni waren 648.000 offene Stellen gemeldet, 16.000 mehr als vor einem Jahr. Arbeitsmarktforscher sehen die Demografie als Ursache: Viele Beschäftigte der Babyboomer-Jahrgänge gehen in Rente, während zu wenig passender Nachwuchs nachkommt. Auch auf dem Ausbildungsmarkt klaffen Lücken. Seit Oktober 2025 haben sich 400.000 junge Leute gemeldet, ein Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig wurden 409.000 Lehrstellen gemeldet. 181.000 junge Menschen hatten bis Juni noch keine Stelle oder Alternative gefunden. Der Ausbildungsmarkt ist jedoch über die Sommermonate noch stark in Bewegung.



