Die Krise der deutschen Stahlindustrie hat Tausende Beschäftigte auf die Straße getrieben. In Berlin und im saarländischen Völklingen demonstrierten Arbeiter für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Unter dem Motto „Stahl hat Zukunft – bei uns!“ zogen Stahlarbeiter vom Brandenburger Tor zum Bundeswirtschaftsministerium. Nach Angaben der IG Metall beteiligten sich daran rund 1.700 Beschäftigte aus mehr als 40 Betrieben, während die Polizei von 900 Menschen sprach. In Völklingen kamen laut Polizei 8.500 Menschen zu mehreren Demonstrationszügen.
IG Metall fordert mehr Hilfe
Die IG Metall fordert mehr Unterstützung von der Politik für die gebeutelte Branche. Die Stahlindustrie leidet unter der Wirtschaftsflaute, der Krise in Kundenbranchen wie dem Autobau, teurer Energie und der Konkurrenz durch Billigstahl vor allem aus Asien. Auch hohe US-Zölle auf Stahlimporte setzen die Branche unter Druck, die besonders in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und dem Saarland stark vertreten ist.
Klimavorgaben und grüner Stahl
Die IG Metall warnt zudem davor, Klimavorgaben in Europa aufzuweichen und damit den Umbau der Branche zu grünem Stahl zu gefährden. Unternehmen wie Salzgitter und Saarstahl haben bereits Schritte zur Umstellung ihrer Produktion eingeleitet, während der Konzern ArcelorMittal 2025 Pläne für den klimaneutralen Umbau seiner Stahlwerke in Bremen und Eisenhüttenstadt stoppte. Neue Anlagen für klimafreundlicheren „grünen“ Stahl, die mit Erdgas und später mit Wasserstoff betrieben werden, sind teuer, während der Markt dafür noch am Anfang steht.
„Wir wollen grünen Stahl produzieren, unsere Stahlwerke werden, soweit es geht, klimaneutral“, sagte der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft, Jürgen Kerner. „Doch die Politik muss konsequent die Möglichkeit dafür schaffen.“ Er warnte davor, den europäischen Emissionshandel grundsätzlich infrage zu stellen. „Das treibt Zehntausende Arbeitsplätze ins Risiko.“ Zugleich brauche es Unterstützung für Unternehmen, die die Investitionen in die klimafreundliche Produktion nicht allein stemmen könnten.
Rolle rückwärts beim Klimaschutz?
Hintergrund ist die Debatte um weniger Klimavorgaben, um die Industrie in Europa zu stärken. In Brüssel will die EU-Kommission im Juli Vorschläge für eine Revision des Emissionshandels (ETS) vorlegen. Aus Industrie und Teilen der Politik wächst der Druck, das Klimaschutzinstrument aufzuweichen, um Belastungen für die Wirtschaft aus dem Handel mit CO2-Zertifikaten zu senken.
Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) sieht damit den Umbau der heimischen Stahlindustrie in Gefahr und warnte kürzlich in einem Brief an Kanzler Friedrich Merz (CDU) vor einer Rolle rückwärts. „Die Herausforderungen der Stahlindustrie bleiben riesig und der ETS-Handel ist hier auch nur die Spitze des Eisbergs“, erklärte die IG Metall Völklingen.
Unterstützung von Grünen und Linken
Unterstützung bekamen die Stahl-Beschäftigten in Berlin von Grünen-Chef Felix Banaszak. „Es geht um die Zukunft für die Betriebe, für die Belegschaften, und es geht darum, dass wir demnächst so produzieren, dass auch unsere Kinder und unsere Enkel einen lebenswerten Planeten haben und eine lebenswerte Zukunft“, sagte er. Die Vorsitzende der Linken, Ines Schwerdtner, sagte bei der Kundgebung, die Krise der Branche sei nicht von den Beschäftigten verursacht, sondern Folge einer unzureichenden Unterstützung beim Umbau zu klimafreundlicher Produktion. „Stahl ist systemrelevant.“
Branche in der Krise
Die energieintensive Stahlbranche mit rund 80.000 Beschäftigten steckt seit Jahren in der Krise. 2025 fiel die Produktion der deutschen Stahlindustrie auf 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl – ein Tiefstand seit der Finanzkrise 2009. Der Stahlkonzern Thyssenkrupp Steel Europe hat eine harte Sanierung beschlossen und will sich von rund 11.000 Stellen trennen. Ein Problem sieht die IG Metall auch darin, dass jährlich weiter mehr als drei Millionen Tonnen Stahl aus Russland nach Europa kommen. Das müsse mit EU-Sanktionen verhindert werden.
Bisherige Maßnahmen der Politik
Die Politik ist der Branche bereits zur Seite gesprungen. So hat die Bundesregierung einen Industriestrompreis für energieintensive Branchen wie Stahl auf den Weg gebracht. Zudem beschloss die EU Schutzmaßnahmen, um die heimische Stahlbranche vor Konkurrenz zu schützen. Das geht der IG Metall aber nicht weit genug. Sie kritisiert, dass der Industriestrompreis zeitlich befristet ist, unter Finanzierungsvorbehalt steht und nur „homöopathisch“ gegen teure Energie wirke.



