Umfrage: Mehrheit der Deutschen hält Atomausstieg für falsch - aber nur Minderheit will Kernkraft zurück
Mehrheit hält Atomausstieg für falsch, aber will keine Rückkehr

Umfrage offenbart gespaltene Haltung zur Atomkraft in Deutschland

Mehr als drei Jahre nach dem endgültigen Ausstieg aus der Kernenergie zeigt eine aktuelle Umfrage eine deutliche Kritik an dieser energiepolitischen Entscheidung. 53 Prozent der Befragten lehnen die Abschaltung der letzten Atomkraftwerke im April 2023 ab, während nur 40 Prozent diese Maßnahme für richtig halten. Besonders bemerkenswert: Fast jeder Dritte (32 Prozent) bezeichnet den Atomausstieg sogar als "voll und ganz falsch". Die repräsentative Erhebung wurde vom Meinungsforschungsinstitut YouGov in Zusammenarbeit mit dem Sinus-Institut durchgeführt und liegt der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vor.

Historischer Ausstieg nach langem politischen Prozess

Deutschland beendete Mitte April 2023 nach jahrzehntelanger Nutzung endgültig die Stromerzeugung durch Kernkraft. Die letzten drei aktiven Meiler wurden abgeschaltet, nachdem die Bundesregierung aufgrund der Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ihre Laufzeit zunächst um einige Monate verlängert hatte. Ursprünglich war der vollständige Ausstieg bereits für den 31. Dezember 2022 geplant gewesen.

Den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie hatte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Jahr 2011 beschlossen. Dieser Entscheidung war die verheerende Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vorausgegangen, die weltweit zu einer kritischen Neubewertung der Kernenergie führte.

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Erneuerbare Energien genießen deutlich mehr Rückhalt

Interessanterweise bedeutet die Kritik am Atomausstieg nicht automatisch eine Rückkehr zur Kernkraft als zukünftige Energiequelle. Nur 39 Prozent der Befragten sehen die Kernenergie als eine Form der Stromerzeugung, die Deutschland in Zukunft nutzen sollte. Damit liegt sie deutlich hinter den erneuerbaren Energien: Solarenergie wird von 62 Prozent der Deutschen als zukunftsfähig angesehen, Windkraft von 60 Prozent und Wasserkraft von 50 Prozent.

Biomasse beziehungsweise Biogas findet mit 35 Prozent Zustimmung, während fossile Energieträger deutlich weniger Rückhalt genießen: Erdgas kommt auf 21 Prozent, Kohle und Öl jeweils auf nur 9 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen den klaren Trend hin zu erneuerbaren Energiequellen in der deutschen Bevölkerung.

Geringe Angst vor Nuklearkatastrophen in Europa

Die potenzielle Gefahr von Nuklearunfällen scheint die Deutschen weniger zu beschäftigen als erwartet. 52 Prozent der Befragten machen sich geringe Sorgen, weitere 18 Prozent überhaupt keine Sorgen, dass es in Europa zu einem schweren Unfall in einem Atomkraftwerk kommen könnte. Nur eine kleine Minderheit von 15 Prozent hat für einen solchen Katastrophenfall vorgesorgt, etwa durch Lebensmittelvorräte oder Jodtabletten.

Die Informationsbereitschaft der Bevölkerung im Falle einer Atomkatastrophe ist ebenfalls begrenzt: Nur jeder Vierte gibt an, sich darüber informiert zu haben, was im Katastrophenfall zu tun wäre. Noch geringer ist das Vertrauen in die staatlichen Vorbereitungen: Gerade einmal 14 Prozent glauben, dass Deutschland auf den Fall einer schweren Atomkatastrophe gut vorbereitet wäre.

Nachwirkung der Tschernobyl-Katastrophe

Die Atomkatastrophe im damals sowjetischen und heute ukrainischen Tschernobyl ist auch 40 Jahre nach dem Ereignis fast jedem Deutschen ein Begriff. 93 Prozent haben davon gehört, fast die Hälfte gibt sogar an, sie könne genau erklären, was damals geschehen sei. Die Reaktorkatastrophe in der Nacht zum 26. April 1986 gilt als die schwerste atomare Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie.

Bei dem Super-GAU explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerks während einer Notfallübung. Radioaktives Material wurde kilometerhoch in die Atmosphäre geschleudert, und die Strahlenwolke breitete sich über weite Teile Westeuropas aus. Bis heute sind Böden durch radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 belastet, die Krebs und andere Krankheiten auslösen können.

42 Prozent der Befragten geben an, die Katastrophe von Tschernobyl habe ihre Haltung zur Atomkraft sehr oder eher geändert. Bei 53 Prozent ist dies demnach nicht oder eher nicht der Fall.

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Politische Debatte in der schwarz-roten Koalition

In der schwarz-roten Koalition ist in der vergangenen Woche eine kontroverse Debatte um die Atomkraft entbrannt. Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) hatte sich offen für eine Diskussion über die Wiederinbetriebnahme deutscher Atomkraftwerke gezeigt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sieht hingegen eine Rückkehr zur Atomenergie nicht als kurzfristigen Weg für eine bessere und günstigere Energieversorgung in Deutschland an.

Vom Koalitionspartner SPD mit Umweltminister Carsten Schneider kam deutlicher Widerspruch. Schneider verwies auf die nach wie vor ungelöste Frage der Endlagerung von Atommüll. Es ist wichtig zu beachten, dass die Umfrage bereits zwischen dem 13. und 16. März durchgeführt wurde, also vor dieser aktuellen politischen Diskussion.

Für die repräsentative Umfrage wurden insgesamt 1.944 Menschen online befragt. Die Ergebnisse zeigen ein komplexes Bild der deutschen Haltung zur Kernenergie: Während der vollzogene Ausstieg von einer Mehrheit kritisch gesehen wird, gibt es nur begrenzte Unterstützung für eine Rückkehr zur Atomkraft. Stattdessen setzt die Bevölkerung deutlich mehr auf erneuerbare Energien als zukunftsfähige Alternative.