In Mecklenburg-Vorpommern sorgt ein Vorgang für Aufsehen, der an einen Politthriller erinnert: Ein funktionsfähiges Kraftwerk, das einst über die Nord-Stream-Pipeline aus Russland kommendes Erdgas erwärmte, soll demontiert und an die Ukraine verschenkt werden. Dies geht aus einem Schreiben hervor, das dieser Redaktion vorliegt.
Hintergründe des geplanten Transfers
Das Kraftwerk, eine Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage (KWK), wurde bis 2022 genutzt, um Gas aus Russland zu erwärmen, bevor es in die Leitungen an Land gelangte. Dabei erzeugte es auch Strom. Nach dem Stopp der russischen Gaslieferungen im September 2022 wurde die Anlage nur noch als Backup-Reserve genutzt. Nun soll sie abgebaut und über den Industriehafen Lubmin in die Ukraine transportiert werden.
Axel Vogt, Bürgermeister von Lubmin und Vertreter des Industriehafens, informierte in einem Brief über die Pläne. Die Industriekraftwerk Greifswald GmbH, Tochter zweier Energieriesen, will die Anlage demontieren und abtransportieren lassen. Vogt betont die Brisanz des Themas: Der Vorgang könne „politisch instrumentalisiert“ werden. Er selbst hält den Standort für ein solches Kraftwerk für „sehr gut geeignet“ und verweist auf die Feststellung des Bundesgerichtshofs, wonach die Sprengungen der Nord-Stream-Leitungen „höchstwahrscheinlich im Auftrag des Staates Ukraine erfolgten“. Er wünscht sich eine flankierende Kommunikationsstrategie für den Abtransport, der „zwingend über den Industriehafen Lubmin erfolgen“ müsse.
Kritik aus der Politik
Nikolaus Kramer, AfD-Mitglied im Landtag und im Kreistag Vorpommern-Greifswald, bezeichnet den Vorgang als „absurd“. Während seine Fraktion im Kreistag den Landrat auffordern werde, die Landesregierung zum Bau eines neuen Gaskraftwerks am Standort Lubmin zu bewegen, „soll genau dort eine voll funktionsfähige KWK-Anlage abgebaut und an die Ukraine verschenkt werden“. Kramer sagt: „Diese Anlage sollte der Energiesicherheit unseres Landes dienen. Ein Schlag ins Gesicht für unsere Bürger.“
Bestätigung durch den Konzern
Der Konzern Sefe Securing Energy for Europe, Gesellschafter der Industriekraftwerk Greifswald GmbH, bestätigte die Pläne. „Mit der Einstellung der russischen Gaslieferungen durch die Ostsee im September 2022 und dem damit verbundenen Wegfall des Wärmebedarfs wurde der Betrieb der KWK-Anlage wirtschaftlich unrentabel“, erklärte Sprecher Christoph Gottstein. Da man keine Wärmeabnehmer fand, sei der Betrieb 2023 eingestellt und der Rückbau bis 2026 vereinbart worden. „Alle Optionen der Verwertung der Anlage wurden geprüft“, so Gottstein. Da ein Verkauf nicht zustande kam, werde das Kraftwerk „im Rahmen der humanitären Hilfe einem ukrainischen Kraftwerksbetreiber als Selbstabholer zur Verfügung gestellt“. Rückbau und Verschrottung der Anlage wären teurer gewesen.
Bürgermeister Vogt erklärte auf Nachfrage, er vermisse ein Konzept zur Kommunikation, „was uns bis heute nicht vorgelegt wurde“. Die Gemeinde Lubmin steht damit im Zentrum eines politisch brisanten Vorgangs, der weit über die Region hinaus Beachtung findet.



