Volkswagen beendet seine Automated Driving Alliance (ADA) mit dem Zulieferer Bosch. Das berichtet das Handelsblatt unter Berufung auf Konzernkreise. Die offizielle Bekanntgabe soll in den kommenden Tagen erfolgen. Die Kooperation galt seit ihrem Start 2022 als eines der wichtigsten Zukunftsprojekte des Konzerns.
Neue Partner: Wayve aus London oder Technologietransfer aus China
Wer neuer Entwicklungspartner wird, soll sich im Herbst entscheiden. Derzeit werden zwei Optionen geprüft. Eine Möglichkeit ist, dass VW die Technologie in europäischer Verantwortung belässt. Als aussichtsreichen Kandidaten nennen zwei Insider übereinstimmend Wayve aus London. Das Start-up gilt als einer der wichtigsten europäischen Entwickler KI-basierter Fahrsysteme. Mitgründer Alex Kendall sagte dem Handelsblatt auf der London Tech Week, er sehe „großes Potenzial für eine Zusammenarbeit mit einigen der großen europäischen Automarken“.
Daneben soll VW auch einen Technologietransfer aus China prüfen. Dort hat VW bereits gemeinsam mit dem chinesischen Softwarespezialisten Horizon Robotics das Gemeinschaftsunternehmen Carizon aufgebaut, das Fahrerassistenzsysteme für den chinesischen Markt entwickelt. Horizon Robotics hatte auf der IAA eine Expansion nach Europa angekündigt und ein neues Hauptquartier in München eröffnet. Ein solcher Schritt wäre politisch und regulatorisch jedoch heikel.
KI stellt bisherige Adas-Strategie vor Herausforderungen
Die Allianz zwischen Bosch und der VW-Softwaretochter Cariad beschäftigte zwischenzeitlich mehr als 1000 Entwickler, etwas mehr als die Hälfte davon bei Bosch. Bereits entwickelte Systeme sollen beide Seiten weiter nutzen. So plant VW unter anderem Funktionen aus der Kooperation im für 2027 geplanten Kleinwagen ID.Every1 einzusetzen. Weitere Anwendungsszenarien sind Assistenzsysteme in höherpreisigen Modellen. Bosch wiederum soll weiterhin Zugang zu den VW-Daten bekommen.
Weder VW noch Bosch wollten die Berichte kommentieren. Ein Sprecher der VW-Softwaretochter Cariad sagte: „Wir prüfen grundsätzlich regelmäßig unsere Entwicklungspartnerschaft und stimmen uns fortlaufend dazu ab, ob sie zu unseren strategischen und technologischen Zielen sowie den aktuellen Entwicklungen auf dem Markt passt.“ Insbesondere bei Level-3-Fahrsystemen hätten „sich andere Entwicklungen in Markt und Technologie ergeben als zu Beginn der Zusammenarbeit erwartet“. Fast wortgleich äußerte sich Bosch.
Technologischer Wandel: Von regelbasierten zu KI-Foundation-Modellen
Hinter der Entscheidung stehen nach Angaben mehrerer Insider neben dem Sparkurs bei VW vor allem technologische Gründe. Die Automobilindustrie erlebt einen tiefgreifenden Wandel bei Fahrerassistenzsystemen. Während viele Hersteller bislang auf klassische, regelbasierte Softwarearchitekturen setzten, setzen immer mehr Anbieter auf sogenannte KI-Foundation-Modelle. Diese können Verkehrssituationen ähnlich lernen und interpretieren wie moderne Sprachmodelle Texte verarbeiten. Auf diese Technologie setzt etwa auch Wayve.
Mehrere Insider berichten, dass Volkswagen vor diesem Hintergrund seine gesamte Technologie-Roadmap für Fahrerassistenzsysteme und automatisiertes Fahren neu bewertet. Das betrifft nicht nur Bosch. Auch bestehende Projekte mit der israelischen Intel-Tochter Mobileye stehen demnach auf dem Prüfstand. Die Unzufriedenheit richtet sich dabei weniger gegen bestehende Assistenzfunktionen als gegen die Frage, wie schnell sich diese zu höheren Automatisierungsstufen weiterentwickeln lassen. Zudem soll bei Mobileye die Integration der Software in VW-Systeme immer wieder ein Problem sein.
Erwartungen an Level 3 getrübt – hohe Kosten, geringe Nachfrage
Gerade bei Level-3-Funktionen haben sich die Erwartungen vieler Hersteller eingetrübt. Mercedes-Benz und BMW haben den Ausbau entsprechender Programme verlangsamt oder zurückgestellt. Die Entwicklungskosten gelten als hoch, die Nachfrage der Kunden gilt bislang als begrenzt.
Für Volkswagen ist die Neuaufstellung besonders sensibel. Nach dem Ende des Robotaxi-Start-ups Argo AI im Jahr 2022 muss der Konzern seine Strategie für automatisiertes Fahren damit bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre grundlegend anpassen. Volkswagen steht unter erheblichem Kostendruck und überprüft derzeit zahlreiche Entwicklungsprogramme. Die Entwicklung automatisierter Fahrsysteme zählt zu den teuersten Zukunftsinvestitionen der Branche. Allein das Partnerschafts-Aus mit Argo kostete VW etwa zwei Milliarden Euro. Für die Kooperation mit Bosch wurden nach Angaben aus Konzernkreisen etwa 1,5 Milliarden Euro investiert.
Bosch sieht sich als Kollateralschaden und orientiert sich nach China
Bei Bosch wiederum sieht man sich hinter vorgehaltener Hand auch als Kollateralschaden eines tiefgreifenden Strategiewechsels in Wolfsburg. Die Schwaben könnten sich nach dem Ausstieg von VW bei der Weiterentwicklung des automatisierten Fahrens noch stärker als ohnehin schon nach China orientieren. „Bosch ist einer der führenden Anbieter im stark wachsenden chinesischen Markt für assistiertes und automatisiertes Fahren“, sagte Boschs Mobility-Chef Markus Heyn bereits vor wenigen Wochen. Dort wird für 2027 eine gesetzliche Regelung für Level-3-Funktionen bei Privatfahrzeugen erwartet. „Wenn die kommt, dann müssen wir auf Knopfdruck liefern können“, sagt ein Konzernkenner. Anders als in Europa gilt automatisiertes Fahren in China zunehmend als wichtiges Kaufargument. Bosch verfügt dort bereits über eine Testlizenz für Level-3-Funktionen und sieht nach Angaben aus Branchenkreisen ein großes Interesse mehrerer Hersteller an entsprechenden Systemen.



