Eine neue Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt, dass Elektroautos trotz vorgeschriebener künstlicher Fahrgeräusche weiterhin eine Gefahr für Fußgänger darstellen, insbesondere für blinde und sehbehinderte Menschen. Besonders in Situationen mit niedrigen Geschwindigkeiten, wie beim Anfahren, Rückwärtsfahren oder Abbiegen in der Dämmerung, nehmen Fußgänger die leisen E-Autos oft schlechter wahr als Verbrenner.
Studie vergleicht Unfallmuster von E-Autos und Verbrennern
Die UDV analysierte Daten aus der Unfalldatenbank der Versicherer und verglich Unfälle von E-Autos mit baugleichen Verbrennern aus den Klassen Mini, Kleinwagen, Kompakt-, Mittel- und Oberklasse. Ergänzend führte das Team eine Literaturrecherche und eine Online-Befragung von 238 E-Auto- und Verbrennerfahrern durch. Insgesamt ergab sich, dass mit E-Autos nicht mehr oder weniger Unfälle geschehen als mit Verbrennern. „Unsere Ergebnisse sind ausdrücklich kein Argument gegen E-Mobilität“, sagt UDV-Leiterin Kristin Zeidler. Jedoch unterscheiden sich die Unfallmuster deutlich.
Hoher Anteil an Fußgängerunfällen bei langsamer Fahrt
Der deutlichste Befund: Unfälle mit Fußgängern ereignen sich bei E-Autos häufig in Situationen, in denen das Auto langsam fährt und der Fußgänger das Auto offenbar schlecht wahrnimmt. Unter allen Unfällen mit Zufußgehenden machten solche Situationen bei Elektroautos 76 Prozent aus, bei Verbrennern lediglich 54 Prozent. Kristin Zeidler betont: „Die künstlichen Fahrgeräusche sind womöglich nicht hörbar genug oder lassen sich noch nicht eindeutig einem Pkw zuordnen.“
AVAS-Pflicht reicht offenbar nicht aus
Die Europäische Union hat das sogenannte Acoustic Vehicle Alert System (AVAS) zur Pflicht gemacht, nachdem sich etwa der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband für eine solche Regelung eingesetzt hatte. Ohne AVAS seien Elektroautos nahezu lautlos und stellten für blinde und sehbehinderte Fußgänger eine „große Gefahr“ dar. Die Erkenntnisse der Unfallforscher legen jedoch nahe, dass das Problem auch mit AVAS noch nicht gelöst ist. Die UDV fordert daher, dass künstliche Fahrgeräusche künftig klarer als Pkw-Geräusche erkennbar sein und Zufußgehende besonders bei niedrigen Geschwindigkeiten warnen sollten.
One-Pedal-Driving als Unfallursache
Weiterhin zeigte die Studie, dass Unfälle mit E-Autos offenbar häufig durch eine Fehlbedienung der Pedale entstehen, insbesondere beim Anfahren aus dem Stand. Die Forscher machen dafür das sogenannte One-Pedal-Driving verantwortlich, bei dem ein Pedal sowohl zum Beschleunigen als auch zum Bremsen dient. In der Analyse war fast jeder Zweite, der auf diese Weise verunglückte, älter als 75 Jahre. „Die Studie legt nahe, dass die Gewöhnung an diese Fahrweise in Notsituationen eine Pedalverwechslung begünstigen kann“, sagt Zeidler. Aktive Sicherheitstechnik könne Unfälle beim Anfahren verhindern, wenn sich Personen oder Gegenstände im Weg befinden.



