Der Nürnberger Diehl-Konzern profitiert massiv vom Rüstungsboom und plant trotz wirtschaftlicher Flaute weiteres Wachstum. Während die Geschäfte in der Autozulieferung, Metallverarbeitung und Elektronik stocken, boomen die Flugzeugzulieferung und vor allem die Rüstungstochter. Bereits heute erwirtschaftet Diehl mit Granaten, Rüstungselektronik und Lenkwaffen rund 40 Prozent des Umsatzes von 5,4 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr stellt der Konzern 1.000 neue Beschäftigte im Rüstungsbereich ein, wodurch die Belegschaft dort auf etwa 6.000 steigen soll. Insgesamt beschäftigt Diehl 19.500 Menschen, davon 13.000 in Deutschland.
Rekordumsatz und stabile Erträge geplant
Im kommenden Jahr peilt das Unternehmen einen Umsatz von rund sechs Milliarden Euro an und will das operative Ergebnis mit etwa 700 Millionen Euro konstant halten. Von 2023 bis 2029 sollen rund 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau der Rüstungstochter investiert werden, teilte Diehl am Dienstag in Nürnberg mit. Angaben zu Auftragsbeständen und Lieferungen machte das Unternehmen nicht – ein Teil der Lieferungen geht in die Ukraine und wird auf Wunsch der Bundesregierung nicht genannt.
Iris-T: Das gefragteste System
Am stärksten nachgefragt ist das System „Iris-T“. Ursprünglich zur Bewaffnung des Eurofighter-Jets entwickelt, wurde die Lenkwaffe für die Abwehr von Drohnen, Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern weiterentwickelt und kann nun auch vom Boden abgefeuert werden. In Kombination mit Radaren von Hensoldt habe sich die Rakete in Tests als sehr treffsicher erwiesen. Seit 2022 bietet Diehl das Gesamtsystem Iris-T SLM an – bestehend aus mobiler Einsatzzentrale, Radaren und Lastwagen mit Startvorrichtungen. Ein komplettes System kostet 140 Millionen Euro und kann eine Großstadt vor Luftangriffen schützen. Allein die Ukraine soll bereits zehn Systeme erhalten haben.
Hohe Nachfrage aus Osteuropa und Deutschland
„Wir sehen weiter eine hohe Nachfrage, ganz besonders aus Osteuropa und Deutschland“, sagte Spartenchef Helmut Rauch. Insgesamt zählt Diehl zehn Nationen als Kunden. Die russischen Dauerangriffe mit Drohnen und Raketen auf die Ukraine treiben den Bedarf weiter. Diehl verspricht eine „Trefferquote von 100 Prozent“, allerdings kostet eine Rakete rund 200.000 Euro. Laut Rüstungskreisen hat die Ukraine einen Bedarf von mehreren Tausend Stück pro Jahr. Die Zahl der produzierten Flugkörper sei kräftig gestiegen: „Wir produzieren heute zwanzigmal mehr Flugkörper als zu Beginn des Ukrainekriegs“, so Rauch.
Nato-Ziele und European Sky Shield
Die Nato will die bodenbasierten Flugabwehrfähigkeiten in den kommenden Jahren verfünffachen, um eine lückenlose Flugabwehr entlang der Ostflanke zu schaffen. Diehl ist neben Lockheed Martin mit dem Patriot-System einer der wichtigsten Lieferanten für die „European Sky Shield Initiative“, der mittlerweile zwei Dutzend europäische Staaten beigetreten sind. Da Patriot-Systeme nach dem Krieg im Iran knapp sind, benötigen europäische Nato-Staaten mittelfristig Alternativen – eine Lücke, die Diehl schließen könnte.
Neue Projekte: Iris-T SLX und Hyperschallabwehr
Der Konzern entwickelt die Iris-T SLX, die Ziele auf bis zu 80 Kilometer Entfernung und bis zu 25 Kilometer Höhe treffen kann – fast so weit wie das Patriot-System. Ein weiteres Projekt ist die Abwehr von Hyperschallraketen wie der russischen „Kinschal“. Diehl kooperiert hier mit der spanischen Industrie und plant, Anfang der 2030er-Jahre erste Produkte anzubieten.
Langfristige Strategie und Familientradition
Die starke Stellung im Rüstungsgeschäft ist das Ergebnis langfristiger Unternehmenspolitik: Diehl hat auch nach dem Kalten Krieg die Entwicklung von Lenkwaffen und Rüstungselektronik fortgeführt. Das 1902 gegründete Unternehmen ist in der vierten Generation in Familienhand und wird über eine Stiftung geführt. Seit 2024 leitet Markus Diehl den Aufsichtsrat der Diehl-Stiftung. Er studierte an der Stanford University und gründete in den USA ein Start-up zur Drohnenabwehr. Als Vertreter der Eigentümer hat er großen Einfluss auf die strategische Ausrichtung.



