Die regelbasierte Ordnung steht sowohl in Europa als auch im Indopazifik unter Druck. Deutschland und Australien reagieren darauf mit massiven Aufrüstungsplänen und einer engeren sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Ein zentrales Projekt, das die Partnerschaft auf eine neue Stufe heben könnte, ist die Jagdbomberdrohne MQ-28 Ghost Bat, die kürzlich auf der Luft- und Raumfahrtausstellung ILA in Berlin präsentiert wurde.
Ghost Bat: Australiens Spitzenkandidat für die Bundeswehr
Die unbemannte „Geisterfledermaus“ wurde von Boeing Australia für die australische Luftwaffe entwickelt und kann künftig gemeinsam mit bemannten Kampfjets operieren. Genau solche „Wingman“-Drohnen sucht auch die Bundeswehr. Australiens Vizepremier und Verteidigungsminister Richard Marles wirbt intensiv für das Produkt: „Wir glauben, dass Ghost Bat tatsächlich eine der besten Kampfdrohnen der Welt ist“, sagte Marles im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Die knapp 12 Meter lange Drohne hatte bis Ende März bereits mehr als 150 Flüge absolviert, darunter auch Tests mit Waffen und Missionssystemen. Das Programm gilt als weit fortgeschritten. „Darin liegt eine ausgezeichnete Chance für Deutschland“, betonte Marles. Boeing Australia hat bereits eine Kooperation mit Rheinmetall geschlossen. Der Düsseldorfer Konzern würde im Fall eines Zuschlags durch die Bundeswehr die Systemintegration übernehmen sowie Einsatz und Logistik unterstützen.
Allerdings gibt es Konkurrenz: Das deutsche Unternehmen Helsing bewirbt sich mit seiner Jagdbomberdrohne CA-1 Europe, und Airbus Defense gemeinsam mit dem US-Unternehmen Kratos hofft mit der Valkyrie auf den Zuschlag.
Bereits enge Rüstungsbeziehungen werden vertieft
Mit einem Zuschlag für Boeing Australia würden die bereits engen rüstungspolitischen Beziehungen beider Länder weiter gestärkt. Rheinmetall hat in Australien eine bedeutende Präsenz aufgebaut und produziert dort Radpanzer des Typs Boxer. 100 der 123 schweren Waffenträger auf Boxer-Basis, die die Bundeswehr geordert hat, werden in „Down Under“ gefertigt. „Das ist der größte Rüstungsexport in der Geschichte Australiens“, sagte Marles. Bei einem Besuch in Brisbane Ende März hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eine Probefahrt im ersten für Deutschland bestimmten Boxer unternommen.
Die australische Regierung hat zudem einen Auftrag zur Produktion von 155-Millimeter-Artilleriemunition vergeben, die ebenfalls im Land hergestellt wird. „Und wir sehen noch deutlich mehr Potenzial für eine engere Zusammenarbeit unserer Verteidigungsindustrien“, so der Vizepremier.
Strategische Partnerschaft und Unterstützung für die Ukraine
Deutschland gehöre zu „unseren strategischen Partnern ersten Ranges“, betonte Marles. Gemeinsam mit Außenministerin Penny Wong hatte er am 8. Juni Berlin besucht, wo Gespräche mit Pistorius und Johann Wadephul (CDU) stattfanden. Australien zählt trotz der enormen Entfernung zu den zuverlässigen Unterstützern der Ukraine: Es hat Militärhilfe von mehr als 1,7 Milliarden Australischen Dollar (gut eine Milliarde Euro) geleistet, darunter Abrams-Kampfpanzer, geschützte Fahrzeuge und Artillerie. Australische Soldaten helfen in Polen bei der Ausbildung ukrainischer Soldaten.
„Wir beobachten weltweit, dass die regelbasierte Ordnung unter Druck gerät“, begründete Marles das Engagement. Das zeige sich in der Ukraine, aber auch im Indopazifik, wo China immer selbstbewusster auftrete. Die Volksrepublik werde aus den Geschehnissen in der Ukraine Lehren für den Indopazifik ziehen. „Aus australischer Sicht stehen wir vor dem komplexesten und bedrohlichsten Umfeld seit dem Zweiten Weltkrieg.“
Aufrüstung und AUKUS: Australiens neue Verteidigungsstrategie
Die Regierung in Canberra hatte im April die nationale Verteidigungsstrategie überprüft und aktualisiert. Australien steht vor der „größten Erhöhung der Verteidigungsausgaben in der Geschichte unseres Landes“, so Marles. Bis 2033 sollen sie von rund zwei Prozent auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Dies sei auch eine Reaktion auf China: „China ist unser größter Handelspartner und tief in die Weltwirtschaft integriert“, sagte Marles. Deshalb wolle man das bestmögliche Verhältnis zur Volksrepublik, doch baue diese ihre militärischen Fähigkeiten massiv aus. „Deshalb müssen die Länder der indopazifischen Region ihre militärischen Fähigkeiten stärken, damit sie selbst zu Stabilität und Abschreckung beitragen können.“
Ein Kernstück der australischen Abschreckung ist das trilaterale Sicherheitsbündnis AUKUS mit den USA und Großbritannien, das 2021 geschlossen wurde. Es umfasst die Beschaffung und den Bau atomgetriebener, konventionell bewaffneter U-Boote sowie die Zusammenarbeit bei innovativen Verteidigungstechnologien wie Unterwasserdrohnen, Künstlicher Intelligenz oder Quantentechnologie. Australien will seine bisherige U-Boot-Flotte von sechs Booten der Collins-Klasse durch bis zu acht U-Boote mit Atomreaktor ersetzen. Zwei Boote der Virginia-Klasse sollen in den 2030er-Jahren aus US-Beständen kommen, ein drittes für Australien neu gebaut werden. In den 2040er- und 2050er-Jahren sind fünf weitere Boote der SSN-AUKUS-Klasse geplant, die auf einem britischen Entwurf basieren.
AUKUS bleibt trotz politischer Wechsel bestehen
Mit Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump stand das Abkommen zeitweise in Frage. Inzwischen sei klar, dass es fortgeführt werde, betonte Marles: „AUKUS ist ein Generationenprojekt.“ Seit dem Abschluss 2021 habe es in allen drei Ländern Regierungswechsel oder politische Verschiebungen gegeben. „Dass AUKUS dennoch fortgeführt wird, ist wichtig für die Zukunft, denn es zeigt, dass dieses Abkommen über einzelne Regierungen hinaus Bestand hat.“
Ursprünglich hatte Australien geplant, französische U-Boote zu kaufen, war dann aber auf die amerikanisch-britische Lösung umgeschwenkt, was zu diplomatischen Verstimmungen mit Paris führte. Die Entscheidung für atomgetriebene U-Boote habe gute Gründe, so Marles: „Wir müssen U-Boote betreiben, die weite Strecken zurücklegen können, lange im Einsatz bleiben und schwer zu entdecken sind.“ Deutsche U-Boote von TKMS kämen daher nicht in Frage: „In Deutschland werden hervorragende dieselelektrische U-Boote gebaut – aber bei unseren Anforderungen stoßen sie an ihre Grenzen.“



