Chinesische E-Autos erobern den deutschen Markt
Lange Zeit galten chinesische Automarken in Deutschland als exotische Randerscheinung. Doch nun brechen sie aus ihrer Nische aus und etablieren sich zunehmend auf dem europäischen Markt. Interessanterweise könnte der aktuelle Iran-Konflikt diese Expansion sogar noch beschleunigen, da er die globale Nachfrage nach Elektromobilität befeuert.
Rasanter Anstieg der Neuzulassungen
Die Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes sprechen eine deutliche Sprache: Im ersten Quartal des Jahres 2026 waren chinesische Automarken bereits für rund 3,1 Prozent aller Neuzulassungen in Deutschland verantwortlich. Dies stellt einen signifikanten Anstieg dar, denn im Gesamtjahr 2025 lag dieser Anteil noch bei 2,4 Prozent und 2024 sogar nur bei 1,7 Prozent. Die Dynamik ist also unverkennbar.
Besonders hervorzuheben sind dabei zwei Marken: BYD und MG Rowe. Gemeinsam machen sie im ersten Quartal deutlich mehr als die Hälfte aller chinesischen Neuzulassungen in Deutschland aus. Europäische Marken, die sich in chinesischem Besitz befinden, wie beispielsweise Volvo oder Smart, sind in dieser Statistik nicht berücksichtigt.
Expansion durch wachsende Händlernetze
Ein zentraler Erfolgsfaktor für die chinesischen Hersteller ist der systematische Aufbau von Händlernetzen. „Die machen unheimlich Druck“, konstatiert Stefan Reindl, Chef des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. Vor einigen Wochen verfügte MG Rowe bereits über etwa 180 Standorte, BYD über rund 155. Hinzu kommt Leapmotor, das durch eine Kooperation mit Stellantis auf etwa 120 Standorte kommt. „Die Marken haben erkannt, dass es für Erfolg in Deutschland ein Händlernetz braucht, zur Sichtbarkeit und für Beratungsmöglichkeiten vor Ort“, so Reindl.
Burkhard Weller von der Wellergruppe, einem großen deutschen Autohändler mit 42 Standorten, bestätigt den Erfolg. Neben seinen Hauptmarken BMW und Toyota bietet er nun an 12 Standorten BYD und an 10 Standorten MG Rowe an. „Wir sind sehr zufrieden. Der Absatz läuft gut, die Kunden kommen sehr bewusst zu uns“, berichtet er. Auch andere große Händlergruppen haben die chinesischen Marken bereits in ihr Portfolio aufgenommen.
Harter Wettbewerb und begrenzte Perspektiven
Trotz des aktuellen Booms rechnet Experte Reindl nicht damit, dass sich alle chinesischen Marken dauerhaft auf dem deutschen Markt etablieren werden. „Eher fünf bis sechs Marken – mit einem Marktanteil von insgesamt vielleicht acht bis zehn Prozent“, prognostiziert er. Der deutsche Markt sei anspruchsvoll und wettbewerbsintensiv, zudem dürfe die hohe Loyalität der Kunden gegenüber heimischen Marken nicht unterschätzt werden.
Aktuell sind chinesische Autos im Straßenbild noch eine Seltenheit. Von den 49,5 Millionen am 1. Januar zugelassenen Fahrzeugen stellen sie nur etwa 131.000, was einem Anteil von lediglich 0,26 Prozent entspricht. Die Tendenz ist jedoch stark steigend.
Geopolitische Faktoren als Beschleuniger
Die Unruhen im Nahen Osten, insbesondere der Iran-Krieg, könnten den Trend zu Elektrofahrzeugen und damit den Vormarsch chinesischer Hersteller zusätzlich beschleunigen. „Die Verwerfungen an den Energiemärkten haben die Nachfrage nach Elektromobilität global befeuert, gerade auch in Europa und Deutschland“, erklärt Peter Fintl, Autoexperte bei Capgemini. Steigende Ölpreise öffneten die Tür für alternative Antriebe, und die verbesserten chinesischen Modelle hielten diese Tür offen.
Nicola Borgo von Arthur D. Little bestätigt diese Einschätzung: Steigende Ölpreise beschleunigten die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen, während europäische Produzenten gleichzeitig unter erhöhtem Kostendruck stünden.
Herausforderungen und langfristige Strategien
Was den Vormarsch bremsen könnte, sind die seit 2024 geltenden EU-Zusatzzölle auf Elektroautos aus China. Bislang scheinen diese jedoch keine durchschlagende Wirkung zu haben. Gleichzeitig treiben einige Hersteller ihre Produktion in Europa voran, ein Trend, den auch Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer beobachtet. „Die Dominanz von China wird in den nächsten Jahren exportiert werden“, schreibt er. „Es ist ein ähnliches Modell, wie das der Japaner vor 50 Jahren oder der Deutschen vor 70 Jahren.“
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) brachte sogar die Möglichkeit ins Spiel, chinesische Autos in deutschen VW-Werken zu produzieren, um Produktionsstätten auszulasten und Arbeitsplätze zu sichern.
Experte Fintl erwartet keinen plötzlichen Umbruch, sondern eine schrittweise Verschieung: „Nicht als Tsunami, sondern als steigende Flut. Langsamer, als in China erhofft wird, aber nachhaltiger und kraftvoller, als man in Wolfsburg, Paris oder Turin fürchtet.“ Die Pekinger Automesse Auto China 2026 dürfte in dieser Woche weitere Expansionspläne und neue Modelle präsentieren und den Kurs der chinesischen Hersteller weiter festigen.



