Boshafte Zungen lästern seit Wochen, der 24-Stunden-Livestream von Wal Timmy sei spannender anzusehen als die letzten Spiele von Borussia Dortmund. Sogar bei Nacht! Möglicherweise auch von Vergleichen wie diesem angestachelt, haben BVB-Podcaster und besonders Heimat-Medien (darunter sogar ein Kooperationspartner des Vereins) damit begonnen, immer intensiver die Frage zu erörtern, ob Niko Kovac (54) nach dieser Saison noch Trainer bei Borussia sein darf. Nach zwei Sieglos-Spielen in Serie (0:1 gegen Leverkusen/1:2 in Hoffenheim) garnieren sie ihre Kritik mit der eindringlichen Empfehlung, sich im Sommer besser vom Kroaten zu trennen.
Der defensive Kovac? Ein Irrglaube
Der defensive Kovac heißt es da, passe bei der Neuausrichtung eher nicht zu den mutigen Ideen von Neu-Manager Ole Book (40). Dem zugrunde liegt u.a. die Annahme, Kovac sei zu konservativ, würde zu wenig Jugend zulassen und sei zu sehr in seinem Defensive-zuerst-Stil gefangen. Ein absoluter Irrglaube, wie ich finde. Um Missverständnissen vorzubeugen, an dieser Stelle ein Hoch auf die Meinungsfreiheit!
Richtig ist: Seit über 2 Jahren schon beschäftigt Experten, Fans und Bosse die Frage, wer beim BVB für den schleichenden Spektakel-Verlust verantwortlich ist: Trainer? Mannschaft? Management? Alle? Meine Meinung, die an dieser Stelle auch schon unter Trainer Nuri Sahin (37/bis Januar 2025) und teils bei Edin Terzic (43/bis Juni 2024) zu lesen war: Hauptgrund ist weniger der jeweilige Coach, als der mittlerweile gewaltige Qualitätsverlust des BVB-Kaders!
Die wahren Probleme: Kader und Management
Sportdirektor Sebastian Kehl (46) und Sport-Boss Lars Ricken (49) haben in vier „gemeinsamen“ Transferperioden über 190 Mio. Euro investiert. Trotzdem haben sie es nicht geschafft, die Team-Architektur auf Champions-League-Niveau zu stabilisieren, frische Impulse einzukaufen und Positionen wirklich gleichwertig zu besetzen. Eingeständnis ihres Scheiterns: die Kehl-Entlassung am 22. März.
Deshalb mal im Ruhrpott-Tacheles: Wer jetzt an Kovac sägt, hat Lack gesoffen! Oder will die wahren BVB-Probleme einfach nicht erkennen …
JA, den Dortmunder Auftritten fehlte in dieser Spielzeit häufiger der besondere Kick, es gab zu viele Unentschieden und Topspiel-Pleiten. Das frühe Aus in Pokal und Königsklasse war vermeidbar und peinlich! ABER: Mit Felix Nmecha (25/verletzt) und Julian Brandt (29/geht im Sommer) standen Kovac nur zwei Kreativköpfe zur Verfügung! Dazu spielen Offensivkräfte wie Karim Adeyemi (24) und Serhou Guirassy (30) seit Monaten konstant unter Form. Stichwort Körpersprache und Maloche? Lieber nicht! Woher bitte, soll da nachhaltiges Spektakel kommen?
Kovac hat das Maximum geholt
Unter diesen Umständen hat Kovac (14 Liga-Partien von 31 zu null!) die wirtschaftlich zwingend notwendige Zielvorgabe Champions-League-Qualifikation zweimal erreicht. Kurz: Er hat das Maximum aus dieser – im Vergleich zu Dauermeister Bayern – limitierten und zuvor katastrophal unfitten Truppe geholt. Ohne wirklichen Unterschiedsspieler! Mehr noch: Kovac hat den Verein mit seiner Art beruhigt, eine neue Leistungs- und Arbeiterkultur beim BVB eingeführt, die ewige Mentalitäts-Debatte beendet, die Verletztenquote drastisch reduziert, die zweitmeisten Liga-Tore (65) erzielt, die zweitwenigsten Treffer kassiert (31) und viele kritische Themen einfach weggeatmet oder humorvoll abmoderiert. All das, während parallel Liga-Rivalen wie Leverkusen in die Dauerdepression gestürzt sind.
Kovac will attraktiveren Fußball
Kovac wünscht sich auch begeisternden BVB-Fußball! Ich weiß aus bester Quelle, dass auch Kovac in Zukunft gerne attraktiveren BVB-Fußball spielen lassen und die Über-Bayern ernsthaft attackieren will. Dass Kovac zukünftig verstärkt junge Talente wie Inácio, Albert, Prates, oder Reggiani einbinden möchte. Dass auch Kovac in puncto System-Flexibilität (Stichwort: Außenstürmer) offen ist. Dass der Immer-Arbeiter Kovac sich persönlich in seinen Analysen nicht verschont und seine durchschnittliche Verweildauer bei Klubs (aktuell: 1,56 Jahre) unbedingt verbessern will. Am Ende ist er im Kern natürlich davon abhängig, dass die künftige Kader-Mischung stimmt und die Sommer-Transfers (Innenverteidiger, Kreativspieler, Torjäger) sitzen: Nur mit Unterschiedsspielern gibt es Spektakel, nur mit Arbeitern konstante Ergebnisse. Alles zusammen ermöglicht Titel!
Ein Schicksalstrio: Kovac, Book, Ricken
Auch Book und Ricken wollen und müssen sich beim BVB erst nachhaltig beweisen. Dazu müssen sie eine Chance bekommen! Gemeinsam mit Kovac bilden sie deshalb ab sofort ein Schicksalstrio. Ein möglicher Vorgeschmack auf die Zukunft und ein Signal an die Kritiker: das starke 4:0 gegen Freiburg – mit Startelf-Debüt für Toptalent Samuele Inácio (18/BILD-Note: 2)!
Wichtig zu wissen noch: Seit Doppelmeister Jürgen Klopp (58) gab es dabei keinen BVB-Trainer mehr, der einen derartigen Rückhalt in der gesamten Klubführung genossen hat wie Kovac.
So, und jetzt können Sie wieder den Timmy-Livestream auf Bild.de einschalten!



