Arbeitsmigration: Deutschland wirbt um Fachkräfte – doch viele Hürden bleiben
Arbeitsmigration: Deutschland wirbt um Fachkräfte – viele Hürden

Minus 5 Grad, Sprachhürden und eine andere Kultur – der Wechsel nach Deutschland kann für Arbeitnehmer aus dem Ausland steinig sein. Dabei ist der Bedarf groß. Fast jede fünfte Pflegekraft in Deutschland kommt inzwischen aus dem Ausland, ohne sie wäre die Versorgung vieler Menschen schon heute kaum noch sicherzustellen.

Herausforderungen bei der Anwerbung

Ein Selbstläufer ist die Gewinnung ausländischer Fachkräfte für Deutschland nicht – das geben selbst Leute zu, die ihr Geld damit verdienen. „Die Personen kommen aus anderen Kulturkreisen“, zählt Thomas Awiszus auf. „Tolles Wetter haben wir in Deutschland nicht immer. Deutsche Mentalität ist eine andere. Da muss man die Leute vorbereiten.“ Awiszus ist Geschäftsführer der Hamburger Hanseatic Connect GmbH, die Arbeitskräfte für Pflege und Gastgewerbe rekrutiert.

Der Bedarf ist riesig angesichts einer alternden Bevölkerung. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet damit, dass im Jahr 2036 insgesamt 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Der Zuwachs an Erwerbstätigen kam schon in den vergangenen Jahren ausschließlich aus Drittländern, während die Erwerbsbevölkerung mit deutschem Pass stetig schrumpft. Der Mangel an Personal – vom Bäckereitresen bis zum Chemielabor – wird von Wirtschaftsfachleuten längst als Wachstumsbremse Nummer 1 definiert.

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Positive Entwicklung bei Zuzug

Beim Zuzug aus dem Nicht-EU-Ausland ist zumindest eine Beschleunigung zu beobachten: Die Arbeitsmigration nach Deutschland hat sich laut Bundesagentur für Arbeit seit 2020 von 200.000 auf 420.000 im Juni 2025 mehr als verdoppelt.

Rolle der Politik und Wirtschaft

Das Thema spielt auch bei der Reise von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Indonesien, auf die Philippinen und nach Usbekistan eine Rolle. Awiszus reist mit als Teil der Wirtschaftsdelegation, ebenso Fritz Audebert. Sein Passauer Unternehmen ICUnet sucht im Ausland zum Beispiel Servicetechniker für Windräder.

Indonesien habe eine lange Tradition in der Vermittlung der deutschen Sprache, ein großes Plus, wie Audebert anmerkt. Die Sprachhürde wird als großer Nachteil Deutschlands im weltweiten Wettbewerb um Arbeitskräfte angesehen. Englisch- oder spanischsprachige Länder haben Vorteile.

Weitere Kriterien für erfolgreiche Integration

Finden neue Arbeitskräfte in Deutschland Anschluss bei Landsleuten? Darf die Familie mit einreisen? Unterstützt die Heimatregierung den Gang ins Ausland? Um die 500 Menschen finden nach seinen Angaben pro Jahr über sein Unternehmen den Weg nach Deutschland. Den Neuankömmlingen empfiehlt Audebert ehrenamtliches Engagement, um in der deutschen Gesellschaft anzukommen. „Wir sagen den Leuten ganz schnell Feuerwehr oder dort, wo ich mich ehrenamtlich engagieren kann.“ Die mehrheitlich christlichen Filipinos könnten oft auch in der Kirche andocken.

Blick auf die Philippinen

Der philippinische Präsident Ferdinand Marcos Jr. sagt, man höre viel Gutes über Deutschland von ausgewanderten Landsleuten: „Es ist eine stabile und geordnete Gesellschaft, und das macht es zu einem guten Ort nicht nur zum Leben und Arbeiten, sondern sogar, um Kinder großzuziehen – was viele von ihnen auch getan haben.“ Etwa zehn Millionen Filipinos leben im Ausland. Ihre Rücküberweisungen sind ein zentraler Stützpfeiler der philippinischen Gesellschaft und ein wichtiger Teil der Wirtschaftsleistung. Was Auslands-Philippinos an ihre Familien im Heimatland zurückschicken, macht einen Anteil von bis zu zehn Prozent am Bruttoinlandsprodukt des Landes aus.

Triple-Win-Länder

Die Philippinen gehören wie auch Indonesien zu den Triple-Win-Ländern, aus denen etwa die Bundesagentur für Arbeit versucht, Personal zu gewinnen. Heißt: Eine Anwerbung soll zum Gewinn werden für Deutschland, für die Fachkräfte – aber eben auch für das Heimatland, wo es einen Personalüberschuss in den jeweiligen Berufen gibt.

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Herkunft der Arbeitskräfte

Unter den ausländischen Arbeitskräften in Deutschland spielen allerdings zahlenmäßig eher EU-Bürger sowie Menschen aus der Türkei oder vom Westbalkan eine wichtige Rolle. Steinmeier räumt ein, die Verfahren zur Anerkennung ausländischer Qualifikationen müssten beschleunigt werden. Er habe die Frage aufgeworfen bei seinem Besuch in der philippinischen Hauptstadt Manila, ob Deutschland mehr für sich werben müsse. „Und die Antwort war, dass die 40.000, 45.000 Filipinos, die in Deutschland bereits arbeiten, ihre eigene Werbung für Arbeitsaufnahme in Deutschland machen. Weil sie dort Arbeitsbedingungen vorfinden, die besser sind als an vielen anderen Stellen der Welt und Sicherheit gewährleistet wird für ihre persönliche Situation.“

Integration bleibt eine Baustelle

Doch nicht jeder, der ankommt, wird mit offenen Armen empfangen. „Das ist ganz bitter, muss man wirklich sagen: Das ist natürlich auch von der Hautfarbe abhängig“, sagt Audebert. Menschen aus Kenia oder Ghana hätten es da besonders schwer. Die schwierige Aussprache indonesischer Namen, auch das sei eine Hürde. Awiszus meint: „Ich würde nicht sagen, dass wir ein Rassismusproblem haben.“ Aber: „Es ist ein sensibles Thema. Und in Deutschland nun leider mittlerweile auch mehr als es das vielleicht vor fünf oder zehn oder fünfzehn Jahren war.“ Die Deutschen müssten sich bewusst machen, dass die Bundesrepublik nicht die einzige und vielleicht auch nicht die beste Option sei für Nachwuchskräfte aus anderen Ländern. „Da muss sich was tun in unserer Gesellschaft. Am Ende brauchen wir die Leute und wir können froh sein, dass wir sie finden.“ Dass die Bundesregierung die Mittel für Integrationskurse gekürzt habe, sei nicht hilfreich, sagt er.

Mangelnde Wertschätzung, ein Gefühl der Fremdheit, eine größere Gefahr von Arbeitsplatzverlusten, wenn die Wirtschaft schwächele – das alles mache es ausländischen Fachkräften schwer in Deutschland, sagt Audebert. „Unser Ziel ist eigentlich, dass möglichst 100 Prozent bleiben. Aber wenn man ehrlich ist, gehen 10, 15 Prozent über die Laufzeit von drei Jahren wieder zurück, und zwar auch wirklich frustriert.“

Kleine Hilfen

Zumindest an den kleinen Dingen soll es nicht scheitern. „Weil, in Indonesien weiß man nicht so richtig, wie sich minus 5 Grad anfühlen. Und das kann man erzählen, wie man will, kommt dann trotzdem nicht so an“, sagt Awiszus. Wer im Winter einreist, der bekomme von seinem Unternehmen eine dicke Jacke.