Der neue Chef des Weltwirtschaftsforums (WEF), Alois Zwinggi, zeigt sich überraschend optimistisch für Europa. „Die Globalisierung ist nicht tot“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt. Trotz Irankrieg, Energieengpässen und einem kühlen Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump müsse Europa auf seine Stärken setzen. „Wir haben das Wissen, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine starke industrielle Basis“, betonte Zwinggi.
Scheitern in Europa gesellschaftlich anders bewertet
Auf die Frage, warum Europa keine Erfolgsgeschichten wie Elon Musks SpaceX-Börsengang hervorbringe, antwortete Zwinggi: „Die USA haben eine lange Tradition erfolgreicher Unternehmensgründungen, aber auch des Scheiterns. Dort wird Scheitern gesellschaftlich anders bewertet. In Europa ist es deutlich schwieriger, nach einem Fehlschlag wieder durchzustarten.“ Amerikanische Unternehmer dächten größer, gingen höhere Risiken ein und fänden leichter Kapital. Genau hier habe Europa Nachholbedarf.
FCAS-Scheitern: Zeit verloren, aber Zusammenarbeit bleibt wichtig
Zum Aus des Kampfflugzeugprojekts FCAS sagte Zwinggi: „Die Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Privatsektor ist ein fortlaufender Prozess. Wer dauerhaft an solchen Themen arbeitet, erlebt auch Rückschläge. Sicherlich ist nun wertvolle Zeit verloren gegangen.“ Die Reaktion von Öffentlichkeit und Medien zeige, wie wichtig ein Erfolg gewesen wäre. Das WEF werde weiterhin die öffentliche Hand und den Privatsektor ermutigen, zusammenzuarbeiten.
Irankrieg: Neue Eskalationsstufe durch Düngemittel
Mit Blick auf den Irankrieg warnte Zwinggi vor einer „Eskalationsstufe“, die bislang zu wenig beachtet werde: die mögliche Auswirkung auf Düngemittel und damit auf die Nahrungsmittelversorgung. Viele Volkswirtschaftsexperten gingen davon aus, dass das Wachstum im kommenden Jahr negativ beeinflusst werde. Ob das Schlimmste noch bevorstehe, hänge wesentlich davon ab, ob eine Deeskalation gelinge.
Schnelle Fortschritte durch Kapitalmarktreformen
Auf die Frage nach Potenzial für schnelle Fortschritte antwortete Zwinggi: „Mit einer Reform der Kapitalmärkte ließe sich vermutlich am schnellsten die größte Wirkung erzielen.“ Ein zweites großes Thema sei Energie. Europa besitze die Kompetenz, unterschiedlichste Energiequellen erfolgreich zu nutzen. Die Entwicklung in den USA zeige zugleich, wie wichtig es für Europa sei, seine Beziehungen zu anderen Weltregionen auszubauen, etwa zu Indien.
Gesellschaftliche Spannungen durch höhere Inflation
Zwinggi rechnet mit dauerhaft höheren Inflationsraten, die vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen zu spüren bekämen. Gleichzeitig bleibe das Wachstum schwach, während Börsenkurse stiegen. Dieses Szenario sei „durchaus realistisch und zugleich besorgniserregend“. Regierungen und Unternehmen seien gefordert, sozial verantwortungsvoll zu handeln.
Davos 2027: Asien stärker vertreten
Zwinggi kündigte an, dass Asien beim nächsten Jahrestreffen in Davos 2027 stärker vertreten sein werde. „Asien ist eine Schlüsselregion“, sagte er. Das WEF verstehe sich als neutral und unparteiisch, ganz in Schweizer Manier. Ziel sei es, eine Plattform für alle relevanten Stimmen zu bieten.
Epstein-Affäre: Organisation hat Hausaufgaben gemacht
Zur belastenden Verbindung des WEF mit den Epstein-Enthüllungen sagte Zwinggi: „Die Organisation hat ihre Hausaufgaben gemacht.“ Die Vorwürfe seien von einer externen Kanzlei untersucht worden, personelle Konsequenzen seien gezogen worden. Operativ stehe das WEF heute sehr gut da – mit mehr Partnern als vor einem Jahr.



