Erneutes Erdbeben erschüttert Supervulkan bei Neapel
Ein lauter Knall, vibrierende Wände und schwankende Möbel: In den frühen Morgenstunden hat ein Erdbeben die Bewohner der Phlegräischen Felder und zahlreicher Stadtviertel Neapels aus dem Schlaf gerissen. Der Erdstoß der Stärke 3,6 war am Donnerstag um 4.17 Uhr deutlich zu spüren, nur wenige Stunden nach dem verheerenden Erdbeben in Venezuela mit Stärke 7,1. Die Erschütterung löste erneut Besorgnis in einer Region aus, die seit Monaten von anhaltender seismischer Aktivität geprägt wird.
Nach Angaben des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) lag das Epizentrum nahe Pozzuoli, einer Hafenstadt südlich von Neapel. Das Beben ereignete sich in einer Tiefe von knapp drei Kilometern. Viele Anwohner berichteten in sozialen Netzwerken von starken Erschütterungen. Besonders in den höher gelegenen Stockwerken von Wohnhäusern sowie in den unmittelbar an die Phlegräischen Felder angrenzenden Stadtteilen Neapels war der Erdstoß deutlich wahrnehmbar.
Bewohnerin: „Es war wieder einmal schrecklich“
Viele Menschen rannten besorgt auf die Straße. „Wir sind aus dem Schlaf gerissen worden, alles hat gezittert. Es war wieder einmal schrecklich. Wie lange müssen wir in diesem Zustand ausharren?“, fragte eine verzweifelte Userin aus Pozzuoli auf ihren sozialen Netzwerken. Trotz der spürbaren Erschütterung wurden zunächst weder Verletzte noch größere Schäden an Gebäuden gemeldet. Die Behörden leiteten jedoch umgehend Kontrollen ein. Experten überprüften öffentliche Gebäude und Wohnhäuser, während zusätzliche Inspektionen an Hängen und Felsformationen der Region angeordnet wurden.
Die neue Erschütterung traf die Bevölkerung zu einem Zeitpunkt, an dem die Nervosität ohnehin hoch ist. Erst knapp 24 Stunden zuvor hatte ein weiterer Erdbebenschwarm die Region erschüttert. Das stärkste Beben erreichte dabei eine Magnitude von 3,0. Seit Monaten registrieren die Messstationen in den Phlegräischen Feldern immer wieder Erdstöße unterschiedlicher Stärke. Viele Bewohner haben sich inzwischen an die regelmäßigen Erschütterungen gewöhnt, zugleich wächst jedoch die Sorge vor einer möglichen Verschärfung der Lage.
Krisenstab einberufen – Schulen verlegt
Angesichts der jüngsten Entwicklung berief der Präfekt von Neapel, Michele di Bari, noch am Donnerstagvormittag eine Sitzung des Krisenstabs ein. Die Bürgermeister der Gemeinden Pozzuoli, Bacoli und Monte di Procida kamen gemeinsam mit Fachleuten des Vesuv-Observatoriums, des Zivilschutzes, der Feuerwehr und weiterer Behörden zusammen, um die Situation zu bewerten.
Nach Angaben der Präfektur wurden bei dem Treffen keine unmittelbaren Gefahren festgestellt. Vorsorglich beschlossen die Behörden jedoch zusätzliche Überprüfungen. Die mündlichen Abschlussprüfungen eines Gymnasiums wurden an einen anderen Standort verlegt. Einschränkungen im öffentlichen Verkehr gab es dagegen nicht. Der Bahnverkehr sowie die Regionalbahnen Cumana und Circumflegrea verkehren weiterhin regulär.
Bradyseismus als Ursache – Boden hebt sich um einen Zentimeter pro Monat
Die Ursache für die anhaltenden Erschütterungen sehen die Wissenschaftler im sogenannten Bradyseismus, einem für die Phlegräischen Felder typischen geologischen Phänomen. Dabei hebt und senkt sich der Boden infolge von Druckveränderungen im Untergrund. Nach Angaben des Vesuv-Observatoriums sammelt sich in mehreren Kilometer Tiefe zunehmend magmatisches Gas an. Der dadurch entstehende Druck führt zu einer langsamen Anhebung des Bodens und löst gleichzeitig zahlreiche Erdbeben aus.
Die Direktorin des Vesuv-Observatoriums, Lucia Pappalardo, erklärte, das aktuelle Beben stehe im Zusammenhang mit diesen Prozessen in einer Tiefe von drei bis vier Kilometern. Der Untergrund der Region befinde sich weiterhin in einer Phase erhöhter Dynamik. Der Boden hebt sich derzeit um etwa einen Zentimeter pro Monat.
Weitere Erdbeben in den nächsten Tagen und Wochen möglich
Die Phlegräischen Felder gelten als Europas größter aktiver Supervulkan. Das rund 150 Quadratkilometer große Vulkangebiet erstreckt sich westlich von Neapel und umfasst mehrere dicht besiedelte Gemeinden. Anders als beim benachbarten Vesuv handelt es sich nicht um einen einzelnen Vulkanberg, sondern um eine weitläufige Caldera mit zahlreichen Kratern. Vulkanologen betonen seit Jahren, dass die aktuelle Aktivität nicht als unmittelbares Zeichen eines bevorstehenden Ausbruchs gewertet werden könne. Dennoch beobachten Wissenschaftler die Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Die Kombination aus Bodenhebung, Gasemissionen und wiederkehrenden Erdbeben gilt als Hinweis auf anhaltende Prozesse im Untergrund, deren Verlauf nur begrenzt vorhersehbar ist.
Die Alarmstufe für das Vulkangebiet bleibt unverändert auf Gelb. Nach Einschätzung der Experten sind weitere Erdbeben ähnlicher Stärke in den kommenden Tagen oder Wochen möglich. Wissenschaftler und Zivilschutz verfolgen die Entwicklung daher weiterhin rund um die Uhr. Für die Menschen in den Phlegräischen Feldern bedeutet dies vor allem eines: Die Ungewissheit bleibt.



