Der Alltag in Kyjiw hat sich durch die massiven russischen Luftangriffe der vergangenen Wochen grundlegend verändert. Die Bewohner der ukrainischen Hauptstadt zeigen jedoch eine beeindruckende Widerstandskraft. Ein Streifzug durch die Stadt dokumentiert, wie sie den ständigen Bedrohungen trotzen.
Neue Dimension der Angriffe
Am 24. Mai griff Russland Kyjiw mit einer Welle ballistischer Raketen und Drohnen an. Die ganze Nacht über waren Explosionen zu hören. Die Angriffe erreichten eine neue Dimension. Zwei Jungunternehmer, Yevhen Prusak und Olena Saenko, hatten erst einen Tag zuvor ihr kleines Café eröffnet. In der ersten Nacht trafen russische Raketen benachbarte Gebäude und zerstörten ihren Traum. „Es war gut, dass es nicht am Tag zuvor passiert ist, als wir viele Gäste hatten“, sagte Prusak. „Alle blieben lebendig und gesund. Natürlich war ich aufgelöst und dachte, dass es keinen Sinn machen würde, zu öffnen.“
Solidarität und Wiederaufbau
Während Prusak die Schäden begutachtete, fragte der Bezirksleiter des Stadtviertels nach einem Kaffee. „Mit all seiner Freundlichkeit, vielleicht sogar etwas sarkastisch, fragte er: Kann ich Kaffee haben?“, erinnert sich Prusak. „Nachdem ich überprüft hatte, ob das Equipment reicht, dachte ich: Warum nicht?“ Durch die Berichterstattung kamen in den Tagen darauf viele Kunden in das Café. Freiwillige halfen bei den Aufräumarbeiten. Die Zukunft des zerstörten Gebäudes ist ungewiss, aber vorerst werden wieder Kaffee und Kuchen serviert. „Auch hier zeigen unsere Ukrainer, wie sich völlig Fremde berufen fühlen, Hilfe zu leisten“, betont Prusak. „Es spielt keine Rolle, ob mit zehn oder tausend Hrywnja. Ob es darum geht, einen Kaffee zu kaufen oder sich zu umarmen und zu sagen: Haltet durch!“
Unter ständigem Beschuss
Die Solidarität steht jedoch kontinuierlich unter Beschuss. Anfang Juni griff Russland Kyjiw erneut im großen Stil mit ballistischen Raketen und Drohnen an. Mindestens sieben Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Die Einwohner der Stadt mögen von den Angriffen gezeichnet sein, ihr Wille bleibt jedoch stark. „Schau dir diese alten Frauen an“, sagt Soldat Oleksandr. „Es gab hier einen Markt, der wurde beschossen, und am nächsten Tag verkaufen die Frauen schon wieder. Wie sollte man die brechen?“ Auch ein McDonald’s, der kurz nach einem Beschuss wieder öffnete, verdient seiner Meinung nach einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.
Hoffnung und Gewöhnung
Marktfrau Maria äußert die Hoffnung, dass Putin bald sterben möge: „Dann, denke ich, wird sich etwas ändern. Alle warten auf Putins Tod.“ Ihre Kollegin Fajina ergänzt: „Es ist härter geworden, aber jetzt gewöhnen sich die Leute schon daran. Wir müssen uns an den Beschuss, die Sirenen, all das gewöhnen. Ein Mensch gewöhnt sich an alles.“ Das Leben in Kyjiw geht weiter – bis zum nächsten Raketeneinschlag. Von Frieden ist die Ukraine weit entfernt.



