Kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara hat Russland die ukrainische Hauptstadt Kiew mit einem massiven Raketen- und Drohnenangriff überzogen. Dabei kamen nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj mindestens 17 Menschen ums Leben, allein in Kiew starben elf Menschen. Die Zahl der Verletzten in der Hauptstadt liegt bei 60, viele Wohnhäuser wurden beschädigt oder teilweise zerstört.
Schwere Zerstörungen in Kiew und Umland
Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von laufenden Such- und Rettungsarbeiten. „Unter den Trümmern können Leute sein“, sagte er in einem Video vor einem teilweise eingestürzten sechsstöckigen Wohnblock. Die oberen Etagen seien schwer getroffen. Insgesamt trugen rund 30 Wohnhäuser Schäden davon. Auch im Umland von Kiew gab es Tote: Sechs Menschen starben, 21 wurden verletzt. In der Stadt Wyschnewe am Westrand Kiews brach nach einem Angriff auf ein Munitionslager ein Großbrand aus. Hunderte Menschen wurden evakuiert. Das russische Verteidigungsministerium erklärte, das Werk „Vizar“ in Wyschnewe sei Ziel gewesen, das auf die Wartung von Flugabwehrsystemen und die Produktion von Raketen spezialisiert ist.
Zugverkehr beeinträchtigt
Durch Schäden an der Bahninfrastruktur im Kiewer Gebiet musste die ukrainische Eisenbahn Züge umleiten und Schienenersatzverkehr einrichten. Rund 60 Züge hatten teils mehrere Stunden Verspätung.
Zweiter Großangriff innerhalb einer Woche
Erst vor vier Tagen hatte Russland einen ähnlichen Angriff mit Dutzenden Toten und Verletzten ausgeführt. Diesmal setzte Moskau laut Selenskyj 351 Drohnen sowie 68 Raketen und Marschflugkörper ein. „Unsere Kämpfer haben heute ein gutes Resultat beim Abschuss von Drohnen und Marschflugkörpern gezeigt, aber leider nicht gegenüber der russischen Ballistik“, sagte Selenskyj. Grund sei das Fehlen von Flugabwehrraketen. Bereits am Abend zuvor hatte er in einer Videobotschaft vor dem Angriff gewarnt: „Das entspricht ganz Putins Art – unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag und vor dem Nato-Gipfel in Ankara will er noch mehr Unheil anrichten und Menschen töten.“
Selenskyj fordert mehr Flugabwehr
Nach der Attacke forderte Selenskyj vom Nato-Gipfel Beschlüsse zur Stärkung der ukrainischen Flugabwehr. „Solange Patriot-Raketen in den Lagern der Verbündeten verstauben, fühlt sich Moskau ermutigt, weiter Krieg gegen Zivilisten zu führen“, schrieb er. Die Patriot-Systeme sind das einzige wirksame Mittel gegen russische Raketen. Bereits im Frühjahr beklagte Selenskyj, dass die Ukraine kaum noch Munition dafür habe. Der US-Krieg gegen den Iran habe die weltweiten Bestände weiter verknappt. Zuletzt brachte Selenskyj eine eigene Patriot-Produktion ins Spiel und verwies auf eine mögliche europäische Produktion in der Ukraine.
Nato-Gipfel in Ankara: Militärhilfen und mögliche Gespräche
Beim Nato-Gipfel geht es auch um weitere milliardenschwere Militärhilfen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach Kiew weitere Unterstützung. Vergangene Woche habe die EU vier der insgesamt versprochenen 90 Milliarden Euro für Drohnenkäufe freigegeben, bald folge eine weitere Tranche. Zudem werde sie das nächste Sanktionspaket gegen Russland vorantreiben. Für Selenskyj bietet der Gipfel die Chance, mit US-Präsident Donald Trump zu sprechen. Die beiden Staatschefs treffen am Mittwoch in Ankara zusammen, um über Wege zur Beendigung des Krieges zu beraten. Trump hatte sich als neutraler Vermittler präsentiert, die kostenlose Militärhilfe eingestellt und Waffen nur noch kommerziell geliefert. Während die Ukraine zu territorialen Zugeständnissen bereit ist und den Krieg entlang der aktuellen Frontlinie einfrieren möchte, beharrt Putin auf seinen Maximalforderungen.



