Am vergangenen Wochenende zog mit (152637) 1997 NC1 wieder ein Brocken aus der Frühzeit des Sonnensystems an der Erde vorbei. Der mehrere Hundert Meter große Asteroid passierte unseren Planeten in rund 2,56 Millionen Kilometern Entfernung. Nach Angaben der Europäischen Weltraumorganisation Esa bestand bei dem Vorbeiflug keine Gefahr; die Entfernung entsprach etwa dem 6,66-Fachen der Distanz zwischen Erde und Mond. In astronomischen Maßstäben gilt der Abstand dennoch als vergleichsweise nah.
Die Erde hat erlebt, was kleinere Himmelskörper anrichten können
Im Februar 2013 explodierte über der russischen Stadt Tscheljabinsk ein etwa 20 Meter großer Asteroid; rund 1.500 Menschen wurden verletzt, vor allem durch splitterndes Glas. Noch gewaltiger war das Tunguska-Ereignis im Jahr 1908: Über der Tunguska-Region in Sibirien zerbarst ein mehr als doppelt so großer Brocken und legte Wald auf einer Fläche nieder, die fast an das Saarland heranreichte.
Solche Ereignisse sind selten. Doch Richard Moissl warnt davor, das Risiko deshalb zu verdrängen. „Man kann schnell vergessen, wie groß das Risiko eines Einschlags ist“, sagte er dem „Spiegel“. Moissl arbeitet bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa am Schutz der Erde vor Asteroideneinschlägen. Er spricht nicht von einer unmittelbaren Gefahr, sondern von Vorsorge: Wie gut ist die Menschheit auf einen gefährlichen Asteroiden vorbereitet?
Nasa & Esa jagen Asteroiden: Ab wann ein Brocken gefährlich wird
Die meisten Objekte, die der Erde nahekommen können, stammen nach Angaben der Nasa aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Dort kreisen Millionen Gesteinsbrocken, Überreste aus der Entstehungszeit des Sonnensystems. Werden einzelne Objekte durch Kollisionen oder durch die Schwerkraft anderer Himmelskörper aus ihrer Bahn gebracht, können sie ins innere Sonnensystem gelangen – also in jene Region, in der auch die Erde ihre Bahn zieht.
Um solche Körper rechtzeitig zu erkennen, suchen Teleskope weltweit Nacht für Nacht den Himmel nach bislang unbekannten Asteroiden ab. Nach Angaben von Moissl sind derzeit knapp 42.000 erdnahe Asteroiden bekannt. Erdnah bedeutet nicht, dass ein Einschlag unmittelbar bevorsteht. Es heißt zunächst nur, dass ihre Bahnen der Erdbahn nahekommen oder sie kreuzen können. Rund 2.000 dieser Objekte beobachtet die Esa besonders genau.
Asteroiden bleiben oft unentdeckt – doch die Risikoliste ist aktuell ruhig
Dass Material aus dem All die Erde regelmäßig erreicht, zeigen auch Fälle aus Deutschland. Im April 2023 schlug ein Meteorit im schleswig-holsteinischen Elmshorn ein. Im Januar 2024 landeten Trümmer nahe Ribbeck im Havelland. Im März dieses Jahres traf ein Meteorit ein Haus im Koblenzer Stadtteil Güls. In allen Fällen richteten die Stücke keine größere Zerstörung an.
Entscheidend wird es, wenn die Körper deutlich größer sind. Nach Angaben der Nasa trifft ein Objekt von der Größe eines Fußballfeldes die Erde im statistischen Mittel etwa alle 2.000 Jahre und kann regional erhebliche Schäden verursachen. Einschläge, die groß genug wären, um die menschliche Zivilisation zu bedrohen, seien dagegen deutlich seltener; sie kämen nur etwa alle paar Millionen Jahre vor.
Der größte Brocken auf der aktuellen Risikoliste hat einen geschätzten Durchmesser von 700 bis 1.600 Metern. Er könnte der Erde am 30. April 2086 nahekommen. Akut sieht Moissl darin jedoch keinen Grund zur Sorge: „Keiner der Himmelskörper auf der Liste macht uns aktuell ernsthafte Sorgen.“ Auch der Asteroid 2024 YR4, der zeitweise als möglicher Kandidat für einen Treffer im Jahr 2032 diskutiert wurde, gilt inzwischen nicht mehr als Bedrohung für Erde oder Mond. Die aktuelle Lage ist also ruhig. Moissls grundsätzliche Warnung bleibt dennoch bestehen: Irgendwann werde man nicht mehr so glimpflich davonkommen.
Asteroidenabwehr: Wie die Nasa einen Himmelskörper ablenkte
Für diesen Ernstfall entwickeln Raumfahrtagenturen Verfahren, mit denen sich gefährliche Asteroiden rechtzeitig ablenken lassen könnten. Einen ersten praktischen Test gab es im September 2022: Damals rammte die Nasa-Sonde „Dart“ absichtlich Dimorphos, den kleinen Begleiter des größeren Asteroiden Didymos. Die Sonde traf mit etwa 6,6 Kilometern pro Sekunde auf, also mit mehr als 23.000 Kilometern pro Stunde.
Der Einschlag veränderte die Umlaufbahn von Dimorphos messbar. Die Nasa sprach damals von einer neuen Ära, in der die Menschheit sich möglicherweise gegen einen Asteroideneinschlag schützen könne. Auch Moissl sieht darin einen Wendepunkt. „Inzwischen wissen wir, dass wir Asteroiden nicht nur studieren, sondern auch aktiv beeinflussen können“, sagt der Esa-Experte. Das sei entscheidend für den Schutz der Erde. Allerdings komme es vor allem auf die Vorwarnzeit an: Je früher ein gefährlicher Asteroid entdeckt wird, desto kleiner muss die Kursänderung sein, damit er die Erde verfehlt. Wird er erst spät bemerkt, braucht es viel mehr Kraft, viel mehr Technik und womöglich auch Glück.
Hera und Apophis: Die nächsten Missionen zur Asteroidenabwehr
Um im Ernstfall weniger auf Glück angewiesen zu sein, untersucht die Esa mit der Mission „Hera“, was der Dart-Einschlag bei Dimorphos tatsächlich verändert hat. Die Sonde soll Daten über Größe, Form, Dichte und Zusammensetzung des Asteroiden liefern. Diese Eigenschaften sind wichtig, weil nicht jeder Asteroid gleich aufgebaut ist. Manche sind feste Felsbrocken, andere eher lockere Geröllhaufen. Davon hängt ab, wie gut sie sich aus ihrer Bahn bringen lassen.
Neben solchen Materialfragen zählt im Ernstfall auch, wie schnell eine Mission vorbereitet werden kann. Dafür bietet Apophis einen seltenen Testfall. Der etwa 400 Meter große Asteroid wird der Erde am 13. April 2029 bis auf rund 32.000 Kilometer nahekommen. Nach heutigem Wissen ist ein Einschlag ausgeschlossen. Für die Forschung ist dieser Vorbeiflug dennoch ein Glücksfall: Selten kommt ein so großer Asteroid der Erde so nah, ohne gefährlich zu werden. Die europäisch-japanische Mission „Ramses“ soll Apophis erreichen und Daten sammeln. Moissl zufolge geht es darum zu lernen, wie eine Schutzmission schnell, preiswert und zuverlässig geplant werden kann.



