Berlin setzt auf E-Scooter trotz 23 Stunden Stillstand pro Tag
Berlin setzt auf E-Scooter trotz 23 Stunden Stillstand

E-Scooter in Berlin stehen durchschnittlich 23 Stunden und 45 Minuten pro Tag ungenutzt im öffentlichen Raum. Das geht aus einem Bericht des Berliner Senats an den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses hervor, über den die Berliner Morgenpost zuerst berichtete. Trotz dieser geringen Nutzungsdauer und anhaltender Kritik will der Senat das E-Scooter-Angebot ausbauen, anstatt es wie in Paris zu verbieten.

Nutzungsdauer und zurückgelegte Strecken

Selbst im Sommer leihen statistisch kaum mehr als zwei Nutzer einen E-Scooter aus. In der kühleren Jahreszeit wird jeder Roller kaum anderthalb Mal am Tag bewegt. Die Nutzer legen im Durchschnitt Strecken zwischen 1,3 und 1,8 Kilometern zurück, die zwischen sechseinhalb und achteinhalb Minuten dauern. Die Verkehrsverwaltung räumt ein: „Viele Fahrzeuge der Flotten werden also maximal eine Stunde am Tag genutzt und verbleiben die restliche Zeit ungenutzt im öffentlichen Raum.“

Verkehrspolitische Effekte oder eine Entlastung der Straße lassen sich nicht feststellen. Die zurückgelegten Strecken entsprächen „in Entfernung und Dauer häufig solchen, die sonst mit dem Umweltverbund zurückgelegt worden wären: zu Fuß, mit dem eigenen Fahrrad oder auch dem ÖPNV“, schreiben Verkehrssenatorin Ute Bonde und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (beide CDU). „Eine wesentliche Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs ist zum aktuellen Zeitpunkt weiterhin fraglich.“

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Ausbau statt Verbot

Gleichwohl möchte der Senat die Scooter nicht verbieten. Die vor allem bei jüngeren Menschen beliebten „Elektro-Kleinstfahrzeuge“ sollen über das Auslaufen der noch bis März 2027 geltenden Sondernutzungserlaubnisse hinaus erlaubt bleiben. Das Angebot soll auch auf weitere Regionen der Stadt ausgeweitet werden. In Berlin sind insgesamt 45.450 ausleihbare E-Roller registriert, hinzu kommen 25.260 Fahrräder mit und ohne Elektroantrieb sowie 2350 E-Motorräder. Acht Anbieter sind auf dem Markt aktiv. Die Zahl der genehmigten Scooter ist seit 2025 um 1400 gesunken, die der Leihräder aber um knapp 7000 gestiegen.

Für das Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings hat die Verkehrsverwaltung eine Höchstgrenze von 19.000 E-Scootern angeordnet. Die seit Jahren geltende Regel wurde erneut verlängert.

Abstellzonen und Parkverbote

Die Unternehmen sind verpflichtet, spezielle Abstellzonen für die Roller einzurichten und dafür zu sorgen, dass die Nutzer außerhalb dieser Orte ihre Gefährte nicht einfach zurücklassen können. Die Auflagen seien „mit Blick auf die Erfahrungen aus vorangegangenen Erlaubniszeiträumen nachgeschärft und erweitert“ worden, „um die Abstellsituation zu verbessern und Beeinträchtigungen von Menschen mit Sehbeeinträchtigungen und blinden Menschen zu verhindern“, heißt es in dem Bericht.

Bis Ende vergangenen Jahres wurden 565 Abstellflächen geschaffen, davon 362 innerhalb des S-Bahn-Rings. „Die Erfahrungen damit sind durchweg positiv“, schreiben die Senatsvertreter. Es komme zu weniger „Behinderungen und Gefährdungen durch falsch abgestellte Mietfahrzeuge“. Das gelte besonders dort, wo explizit Parkverbotszonen für Kleinstfahrzeuge ausgerufen worden seien. Insgesamt plant die Verkehrsverwaltung rund 3000 Abstellplätze im Stadtgebiet, wo dann auch Fahrräder bereitstehen sollen.

Kritik des Blinden- und Sehbehindertenvereins

Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) hatte im März nach einer Klage mit dem Senat ausgehandelt, dass das freie Abstellen von Scootern auf Gehwegen verboten wird. Das soll schrittweise nach „Clustern“ in der ganzen Stadt erfolgen, aber erst 2035 abgeschlossen sein. Für ABVS-Geschäftsführer Thomas Krämer ist das zu lange: „Angesichts der täglichen Gefahren für blinde und sehbehinderte Menschen muss das freie Abstellen der Fahrzeuge so schnell wie möglich unterbunden werden.“

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Gebühren und Einnahmen

Die Anbieter zahlen pro Monat für das Recht, in der Innenstadt öffentliches Straßenland zu nutzen, für jedes Fahrrad und jeden E-Scooter vier Euro. Daraus rechnet das Land Berlin im laufenden Jahr mit Einnahmen von 1,3 Millionen Euro. Außerhalb des Rings kostet sie das nichts. Die Senatsverwaltung hält sich zugute, dass es bereits gelungen sei, die Mehrheit der Scooter und Leihräder in die Außenbezirke zu verlagern: 51 Prozent der Mietfahrzeugangebote fänden außerhalb des S-Bahn-Rings statt.

Nutzungsspitzen bei Großereignissen

Die Anbieter selbst können genau sehen, wie ihre Roller genutzt werden. Ein Höhepunkt sei der vergangene Samstag gewesen, als Deutschland bei der Fußball-WM gegen die Elfenbeinküste antrat, berichtet Bolt. Offenbar stiegen viele Fans auf Leihräder und Scooter, um zum gemeinsamen Gucken zu gelangen. Die Nutzung sei über den gesamten Spieltag bis zum Anpfiff stetig angestiegen und habe schließlich um 21,5 Prozent über der Nachfrage des vorangegangenen Samstags gelegen.