Super-Gau: Wie DDR-Radstars Tschernobyl bei Friedensfahrt erlebten
DDR-Radstars und Tschernobyl: Die Friedensfahrt 1986

Es ist 40 Jahre her, und viele Erinnerungen sind verblasst. Doch die Abende, wenn Uwe Raab aus dem Hotelfenster in Kiew auf die Tanklaster blickte, hat er nicht vergessen. „Die Straßen in Kiew waren abends immer nass, die Lkw fuhren rauf und runter und wässerten alles“, erzählt der ehemalige Radprofi. Raab gehörte 1986 zur DDR-Mannschaft der Internationalen Friedensfahrt, die erstmals in der Sowjetunion startete.

Start am 6. Mai in Kiew

Mit einem Einzelzeitfahren in Kiew begann das größte Amateurradrennen der Welt. Alles lief wie gewohnt – Tour-Routine. Doch die Welt befand sich zu dieser Zeit in Angst und Schrecken. Zehn Tage zuvor war Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl explodiert, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Die 2000 Tonnen schwere Deckenplatte flog 100 Meter hoch. Es war der größte Atomunfall der Menschheitsgeschichte. Kiew liegt nur gut 100 Kilometer entfernt.

DDR-Stars in Kienbaum

Während in Tschernobyl die Feuerwehrleute verzweifelt gegen das Feuer kämpften, befanden sich die DDR-Sportler im Trainingslager im brandenburgischen Kienbaum. Dort erfuhren sie von der Katastrophe. „Was genau passiert war, wussten wir nicht“, sagt Uwe Raab. Nur scheibchenweise drangen Nachrichten an die Öffentlichkeit. Die DDR-Radstars waren verunsichert, als sie ins Flugzeug nach Kiew stiegen. In der ukrainischen Metropole wurde die Unsicherheit nicht kleiner: Menschen liefen mit Geigerzählern durch die Stadt, das Fernsehen warnte, Kinder sollten nicht draußen spielen.

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Abends rollten die Tankwagen durch Kiew – sie gehörten zu den Schutzmaßnahmen der sowjetischen Regierung. Die nassen Straßen sollten radioaktiven Staub binden. Neun Teams sagten den Start ab. Angst hätten sie aber nicht gehabt, betont Raab. „Wir verließen uns auf die Aussagen, dass Kiew nicht betroffen sei, der Wind wehe in eine andere Richtung.“ Tatsächlich kam der Wind nicht aus Norden, sodass die radioaktive Wolke nach Skandinavien zog. Kiew blieb verschont.

Das Fahrerfeld lichtete sich

Neun von 19 Mannschaften sagten wegen der Katastrophe ab, vor allem westliche Teams. Auch Rumänen und Jugoslawen wollten nicht in Kiew starten. Eine Absage der Friedensfahrt stand für die DDR nicht zur Debatte. Die Sportführung lehnte dies ab, und auch die Radstars um Olaf Ludwig, Uwe Ampler und Uwe Raab zogen es nicht in Betracht. „Das hätte sich keiner getraut, es wäre gleichbedeutend mit dem Aus als Leistungssportler gewesen“, erklärt Raab. Olaf Ludwig sagte später in einem Interview: „Ich hatte die Wahl: nicht nach Kiew fahren und die Karriere beenden oder fahren und das Beste daraus machen.“ Seine damalige Ehefrau war strikt dagegen.

Die DDR-Oberen bemühten sich, die Gemüter zu beruhigen. Die Zeitung „Junge Welt“ meldete am Starttag: „Die Organisatoren konnten vermelden, dass für den Start alles bestens gerüstet sei.“ Kurz hieß es: „Einige bereits gemeldete Mannschaften haben abgesagt.“ DDR-Journalisten wurden angewiesen, nicht von „strahlenden Siegern“ zu schreiben.

Uwe Ampler siegt beim Prolog

Am 6. Mai standen 64 Radsportler, vorrangig aus sozialistischen Ländern, am Start zum Prolog – einem Einzelzeitfahren über 7 Kilometer. Drei Finnen hatten nachgemeldet. Neben dem Prolog fanden in Kiew zwei Etappen und ein Mannschaftszeitfahren statt. Uwe Ampler dominierte das Rennen gegen die Uhr, Olaf Ludwig gewann die 3. Etappe über 152 Kilometer. Doch alles war anders als bei früheren Friedensfahrten. Auf Kiews mehrspurigen Straßen verloren sich die 64 Fahrer. „Das sah komisch aus, wie bei einem Kinderrennen“, erinnert sich Raab schmunzelnd.

Am frühen Morgen des 10. Mai ging es für den Tross mit einer Sondermaschine der Aeroflot nach Warschau. Am Nachmittag standen die Fahrer bereits zur 5. Etappe in Polen bereit. Olaf Ludwig gewann seine zweite Etappe, Uwe Raab sprintete auf Platz drei. Ludwig siegte am Ende bei sieben Etappen und holte sich souverän den Gesamtsieg der 39. Friedensfahrt – nach 1982 sein zweiter Sieg.

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Raab fuhr die großen Touren

Bis zum Ziel am 22. Mai 1986 in Prag stand Raab noch fünfmal auf dem Etappenpodium, ein Sieg blieb ihm versagt. Der gebürtige Wittenberger fuhr die Friedensfahrt insgesamt siebenmal und holte acht Etappensiege. Raab, der für den SC DHfK Leipzig startete, gewann 1983 überraschend die Amateur-Weltmeisterschaft und wurde zum DDR-Sportler des Jahres gekürt.

Nach dem Mauerfall war er einer der ersten DDR-Stars mit einem Profivertrag im Westen. Er fuhr für das niederländische Team PDM und später für Team Telekom. Raab startete bei der Tour de France, dem Giro d'Italia und der Vuelta. Sein größter Erfolg als Profi: zweimal punktbester Fahrer bei der Spanien-Rundfahrt und zwei Etappensiege. 1996 beendete er seine Karriere. Mit seiner Frau lebt er heute in Wittenberg (Sachsen-Anhalt) und arbeitet im Außendienst für die amerikanische Radfirma Specialized.

Auf seine Laufbahn blickt er zufrieden zurück. Die DDR-Zeit beschreibt er als prägend. Raab gehörte zu den Sportlern, die den Sprung nach oben schafften, er genoss Privilegien. „Wir haben schon vor dem Mauerfall die ganze Welt gesehen. Wir waren stolz, die DDR vertreten zu können“, sagt er. Das Jahr 1986 bleibt ihm nicht nur wegen Tschernobyl in Erinnerung: Wenige Monate nach der Friedensfahrt heiratete er. Im September steht der 40. Hochzeitstag an.