VfL Wolfsburg vollzieht radikalen Umbruch im Abstiegskampf
Der VfL Wolfsburg befindet sich in einer tiefen sportlichen Krise. Mit einem der finanziell aufwendigsten Kader der gesamten Bundesliga droht den Niedersachsen der erstmalige Abstieg aus der ersten Liga. Als Konsequenz aus der bedrohlichen Tabellensituation hat der Verein nun drastische personelle Maßnahmen ergriffen.
Doppel-Entlassung und die Rückkehr einer Legende
Nach der 1:2-Heimniederlage gegen den Hamburger SV trennte sich der Tabellenvorletzte von Trainer Daniel Bauer. Parallel dazu wurde der bereits länger in der Kritik stehende Sport-Geschäftsführer Peter Christiansen von seinen Aufgaben freigestellt. Als neuer Cheftrainer kehrt Dieter Hecking nach zehn Jahren Abwesenheit an die Seitenlinie der Volkswagen Arena zurück.
„Dieter Hecking bringt genau die Erfahrung mit, die wir in der aktuellen Situation brauchen. Er kennt den Verein, das Umfeld und auch die Anforderungen der Bundesliga sehr genau“, begründete Sportdirektor Pirmin Schwegler die Verpflichtung. „Wir sind überzeugt, dass er der Mannschaft mit seiner Ruhe, seiner Expertise und seiner klaren Linie die nötige Stabilität geben wird, um unser gemeinsames Ziel, den Klassenerhalt, zu erreichen.“
Chaotische Szenen und der Druck der Fans
Die Niederlage gegen den HSV löste in der Volkswagen Arena chaotische Zustände aus. Vor der Fankurve stiegen schwarze Rauchschwaden auf, brennende Pyrofackeln und Fanutensilien lagen auf dem Boden. Eine Ordnerkette musste das VfL-Team vor den wütenden Ultras schützen. Die Stimmung wirkte, als sei der Abstieg bereits besiegelt.
Mit den personellen Radikalmaßnahmen holen die Verantwortlichen um den Aufsichtsratsvorsitzenden Sebastian Rudolph nun nach, was viele Beobachter bereits nach der desaströsen 0:4-Niederlage beim VfB Stuttgart eine Woche zuvor erwartet hatten. Damals hatte sich Christiansen noch einmal durchsetzen und Bauer ein persönliches Endspiel gegen den HSV verschaffen können.
Die Aufgabe für Dieter Hecking
Der 61-jährige Hecking, der die Wolfsburger 2015 zum DFB-Pokalsieg und in die Champions League führte, soll nun verhindern, dass der Verein mit seinem teuren Kader in die Zweitklassigkeit abstürzt. „Zum VfL Wolfsburg zurückzukehren, bedeutet mir viel. Ich habe hier eine intensive und erfolgreiche Zeit erlebt“, sagte Hecking, der an diesem Montag offiziell vorgestellt werden soll.
Über die Vertragslaufzeit machte der Club noch keine Angaben. „Jetzt gilt es, den Fokus voll auf die kommenden Aufgaben zu richten und gemeinsam alle Kräfte zu bündeln, um in der Bundesliga zu bleiben.“ Der erste Einsatz für den neuen Trainer steht bereits am Samstag beim Auswärtsspiel in Hoffenheim an.
Die Verantwortung von Peter Christiansen
Dass die Situation in der VW-Stadt so brenzlig ist und der VfL neun Spieltage vor Saisonende auf dem vorletzten Tabellenplatz steht, wird maßgeblich dem nun freigestellten Geschäftsführer Christiansen zugeschrieben. Der 51-jährige Däne war verantwortlich für den als völlig falsch zusammengestellt geltenden Kader und lag in der Trainerfrage gleich zweimal daneben.
Der junge Niederländer Paul Simonis war bei seiner ersten Auslandsstation ebenso überfordert wie dessen Nachfolger Bauer, der zuvor erfolgreich die U19 des Clubs trainiert hatte. Aufsichtsratschef Rudolph würdigte zwar Christiansens Arbeit für die Fußballerinnen des VfL, konstatierte jedoch: „Bei den Männern fehlten leider die sportlichen Ergebnisse. Deswegen haben wir entschieden, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden.“
Neue Verantwortungsverteilung im Verein
Zunächst übernimmt der erst im Dezember verpflichtete Sportdirektor Schwegler mehr Verantwortung. Auch der im Aufsichtsrat sitzende frühere Torwart Diego Benaglio könnte sich stärker einbringen. Beide waren es auch, die nach der Niederlage gegen den HSV im Dialog mit den frustrierten Fans versuchten, die Wogen zu glätten.
Bauer hatte im November des vergangenen Jahres die Nachfolge von Simonis angetreten und war kurz vor Weihnachten zum Cheftrainer befördert worden. Zuletzt gab es in den vergangenen sieben Spielen jedoch sechs Niederlagen. „Diese Entscheidung ist uns alles andere als leichtgefallen“, sagte Schwegler. „In der Analyse der Gesamtsituation sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir der Mannschaft einen neuen Impuls geben müssen, um den Klassenerhalt zu schaffen.“
Historischer Vergleich und die Herausforderung
Der vom Mutterkonzern Volkswagen dominierte Aufsichtsrat greift beim VfL so stark durch wie seit dem Frühjahr 2011 nicht mehr. Damals verloren Geschäftsführer Dieter Hoeneß und Interimstrainer Pierre Littbarski ihre Jobs, und Meistertrainer Felix Magath kehrte zurück.
Hecking kennt sich seit Jahren mit allen sportlichen Lagen aus. Vor und nach seiner ersten Wolfsburger Zeit trainierte er Hannover 96, den 1. FC Nürnberg, Borussia Mönchengladbach und den Hamburger SV. Zuletzt musste er am 15. September beim VfL Bochum gehen, weil es nach dem Bundesliga-Abstieg auch beim Neuaufbau der Mannschaft hakte.
Dass der Neuaufbau in Wolfsburg krachend scheiterte, wird vor allem Christiansen angelastet. Als der Däne im Sommer 2024 vom FC Kopenhagen nach Wolfsburg kam, versprach er eine neue Club-Identität und Powerfußball. Doch die dafür notwendigen Spieler holte er nicht. Die großen Schwachstellen in Angriff und Abwehr wurden auch in diesem Winter nicht behoben.



