Real Saragossa: Absturz in die Drittklassigkeit droht Traditionsklub
Nur sechs Fußballklubs in Spanien können eine erfolgreichere Vereinsgeschichte vorweisen als Real Saragossa. Doch die glorreichen Zeiten des Traditionsvereins liegen in weiter Ferne. Aktuell steht der Klub aus der Region Aragonien kurz vor einem historischen Tiefpunkt: Der Abstieg in die dritte spanische Liga rückt immer näher und würde einen weiteren schweren Rückschlag für den einstigen Europapokalsieger bedeuten.
Fanpräsident warnt vor "komplettem Desaster"
Für seinen dramatischen Hilferuf wählte José Manuel Fábregas, Präsident des Fanverbands von Real Saragossa, bewusst ein symbolträchtiges Outfit. In einem historischen weißen Trikot mit markantem blauem Kragen – eine Reminiszenz an die erfolgreichen 1990er-Jahre seines Vereins – beschrieb er Ende Februar in der Radiosendung „El Partidazo“ die bedrohliche Gegenwart. „Es ist ein komplettes Desaster und die Fans wissen nicht mehr weiter“, erklärte Fábregas in seinem emotionalen Appell an die Zivilgesellschaft Aragoniens.
Der Fanvertreter machte deutlich, dass nur noch ein Wunder den Absturz in die drittklassige Primera Federación verhindern könne. Er umriss die vielschichtige Krise des Vereins: „Wir haben keinen Präsidenten, niemand übernimmt Verantwortung, und die sportliche Leitung stammt von Atlético Madrid.“ Diese Aussage ist insofern bemerkenswert, als dass formell sehr wohl ein Präsident existiert.
Präsident unter Beschuss – Proteste der Anhänger
Jorge Mas Santos, US-Milliardär und Mehrheitseigner des MLS-Clubs Inter Miami, hält offiziell das Präsidentenamt bei Real Saragossa. Doch vom internationalen Glanz seines anderen Vereins, in dem Superstar Lionel Messi spielt, ist im nordspanischen Saragossa nichts zu spüren. Stattdessen formierte sich bereits im Oktober vergangenen Jahres öffentlicher Widerstand gegen die Vereinsführung.
Anhänger hissten im Stadtpark ein Protestbanner mit der deutlichen Botschaft: „Real Zaragossa ist kein Farmteam von irgendjemandem.“ Die Kritik richtet sich gegen die wahrgenommene Einflussnahme von Atlético Madrid auf die sportlichen Entscheidungen des Traditionsklubs.
Glorreiche Vergangenheit kontrastiert triste Gegenwart
Real Saragossa blickt auf eine schillernde Historie zurück, die den aktuellen Niedergang besonders schmerzhaft erscheinen lässt. 1995 krönte sich der Verein zum Europapokalsieger der Pokalsieger, als man im Finale den FC Arsenal mit 2:1 nach Verlängerung besiegte. Sechsmal gewann der Klub die prestigeträchtige Copa del Rey, zuletzt vor zwölf Jahren.
International bekannt wurde der Verein auch durch deutsche Spieler: In der Saison 1992/93 trug sogar Weltmeister Andreas Brehme, dessen Elfmeter 1990 Deutschland zum WM-Titel verhalf, für ein Jahr das Trikot von Real Saragossa. In der ewigen Tabelle der spanischen Primera División belegt der Klub noch immer respektable Platz zehn – doch diese Statistik spiegelt längst vergangene Erfolge wider.
Finanzielle und sportliche Krisen mehren sich
Bereits 2014 stand Real Saragossa wegen Schulden in Höhe von rund 113 Millionen Euro kurz vor der Auflösung. Zwar konnte der finanzielle Berg in den folgenden Jahren abgetragen werden, doch sportlich gelang nie die Rückkehr zu alter Stärke. Während die Abstiege aus der ersten Liga 2002 und 2008 jeweils durch direkten Wiederaufstieg korrigiert wurden, hält die Zweitklassigkeit seit dem Abstieg 2013 nun schon über ein Jahrzehnt an.
Auch infrastrukturell befindet sich der Verein im Wandel: Das traditionsreiche Stadion „La Romareda“ wurde 2024 abgerissen und soll bis 2028 durch einen modernen Neubau mit über 40.000 Plätzen ersetzt werden – rechtzeitig zur gemeinsam ausgerichteten Weltmeisterschaft 2030. Die bange Frage der Fans lautet: Werden in diesem Stadion der Zukunft nur noch drittklassige Spiele stattfinden?
Aktuelle Tabellensituation äußerst prekär
Die sportliche Realität ist ernüchternd: Nach 31 Spieltagen in der Segunda División belegt Real Saragossa mit nur 27 erzielten Toren – der schwächsten Offensive der Liga – Platz 20 und damit einen direkten Abstiegsrang. Der Abstand zum rettenden Ufer beträgt sechs Punkte, bei nur noch elf verbleibenden Spielen.
Am 18. März feierte der Verein zwar seinen 94. Gründungstag, doch zum Feiern gab es wenig Anlass. Letztmals stand man am 4. Spieltag über der Abstiegslinie – seither folgte ein anhaltender Abstiegskampf.
Neuer Trainer als letzte Hoffnung
Für einen Hoffnungsschimmer sorgte zuletzt die Verpflichtung von David Navarro als neuem Cheftrainer Anfang März – bereits der vierte Trainer in dieser turbulenten Saison. Navarro startete mit zwei Siegen und zeigte auch in der 1:2-Niederlage beim Aufstiegskandidaten Deportivo La Coruna am vergangenen Wochenende eine kämpferische Mannschaft.
Der Trainer beschreibt seine Herangehensweise in bildhafter Sprache: „Wir dürfen den Ballon weder platzen lassen, noch ihn künstlich aufblasen, damit er explodiert.“ Navarro setzt bewusst auf emotionale Aspekte: „Ich habe versucht, neue Wege zu gehen und mich auf die emotionale Komponente zu konzentrieren. Ich wollte die Spieler befreien, denn Emotionen sind ansteckend.“
Diese väterliche Art kommt bei der Mannschaft an, wie Kapitän Francho Serrano gegenüber Aragón TV bestätigte: „Seine Worte ermöglichen es uns, sie auf dem Platz umzusetzen und alles zu geben. Wir glauben es nicht mehr nur, weil wir es denken, sondern weil wir es beweisen. Real Saragossa war angeschlagen, aber nicht tot.“
Die Wiederbelebungsversuche des Traditionsklubs begannen erst, als der Patient bereits im Koma lag. Die kritische Phase ist noch lange nicht überstanden – die kommenden Wochen werden über die Zukunft eines der historisch bedeutendsten Fußballvereine Spaniens entscheiden.



