Julian Nagelsmann ist nach der verheerenden WM-Enttäuschung mit seiner Frau Lena und seiner Mutter Burgi in Deutschland eingetroffen. Am Münchner Flughafen vermied er die Öffentlichkeit und nutzte einen Hinterausgang, um den wartenden Journalisten zu entgehen. Fans waren nicht gekommen, stattdessen empfing ihn strömender Regen. Nagelsmann wusste um die Stimmung in der Heimat: „Wenn man heute eine Umfrage macht, dann habe ich die nicht“, räumte er ein. Der 38-Jährige, der als jüngster deutscher WM-Trainer in die Geschichte einging, fügte hinzu: „Es würde nicht jeder unterschreiben, dass ich Bundestrainer bleibe.“
Rückkehr ohne Fan-Party und mit vielen Fragezeichen
Der Empfang hätte anders aussehen sollen: Keine Fan-Party am Brandenburger Tor, kein WM-Pokal. Stattdessen landete Nagelsmann als normaler Passagier mit dem Flug LH429 aus Charlotte, North Carolina. Mit an Bord waren die Bayern-Profis Jamal Musiala und Aleksandar Pavlovic, während Kapitän Joshua Kimmich für eine Auszeit in den USA blieb. Kimmich, der nach dem dritten WM-Schock offenbar Zeit zur Verarbeitung benötigt, äußerte sich bislang nicht öffentlich. Andere DFB-Stars wie Kai Havertz und Nick Woltemade, die gegen Paraguay Elfmeter verschossen hatten, bedauerten das WM-Schicksal in sozialen Medien.
Boulevard fordert Klopp – Hummels wird deutlich
Die „Bild“-Zeitung titelte: „Jetzt muss Klopp kommen“. Fußball-Deutschland scheint mehrheitlich Jürgen Klopp als Retter zu sehen, der den Neuanfang einleiten soll. Klopp, derzeit Head of Global Soccer bei Red Bull und WM-Experte für MagentaTV, wartet ab – oder verhandelt bereits im Hintergrund. Ex-Weltmeister Mats Hummels machte sich zum Wortführer der Anti-Nagelsmann-Fraktion. „Deswegen bin ich logischerweise emotional in eine Richtung gedrängt. Aber wenn man die ganze Faktenlage gerade so sieht, würde ich sagen: Es muss sich auf der Trainerposition etwas ändern“, erklärte Hummels als Experte bei MagentaTV. Er räumte ein, dass seine Kritik auch persönlich motiviert sei, da Nagelsmann ihn 2023 nach vier Spielen wieder aus der DFB-Abwehr gestrichen hatte.
DFB-Boss Neuendorf zögert – Gremien müssen befragt werden
Über Nagelsmanns Schicksal entscheidet jedoch nicht Hummels, sondern DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Der ehemalige Politiker neigt nicht zu Bauchentscheidungen. Wie nach den WM-Blamagen 2018 und 2022 geht auch diesmal nichts im Eiltempo. Gremien müssen befragt werden, Funktionäre aus Landes- und Regionalverbänden wollen sich wichtig fühlen. Proporz und Wiederwahl sind Kriterien. Am Montag feiert Neuendorf zudem seinen 65. Geburtstag, doch private Termine müssen zurückstehen. DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig hatte vor dem Turnier gewarnt, dass die WM für den Verband ein Zuschussgeschäft werde. Das Aus in der Zwischenrunde brachte nur elf Millionen Dollar an FIFA-Prämien ein, während die Kosten deutlich höher lagen. Der neue Nike-Vertrag füllt zwar die Kassen, doch Personalwechsel im Profi-Fußball sind teuer. Nagelsmanns Vertrag läuft bis zur EM 2028, eine Ablösung würde Abfindungen kosten.
Neuendorf verspricht gründliche Analyse
„Man werde nach einem derartigen Tiefschlag mit Blick auf die anstehenden Aufgaben nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, hatte Neuendorf in den USA versprochen. Man werde „gemeinsam und in Ruhe die Gründe erörtern, weshalb die Mannschaft ihr vorhandenes Potenzial nicht hat abrufen können“. Die Fans haben jedoch keine Geduld mehr. Die Historie zeigt, dass der DFB zweimal falsch entschied: 2018 durfte Joachim Löw trotz Vorrunden-Aus bleiben, 2022 wurde eine Taskforce gegründet, doch Hansi Flick blieb bis neun Monate später im Amt. Erst dann holte man Nagelsmann als Wunschtrainer von Rudi Völler, der als Sportdirektor eng mit Nagelsmann verbunden ist. Auch Völlers Verbleib ist daher Verhandlungsmasse.
Niederlande handeln schneller – Vorteil Oranje
Wie ein WM-Scheitern schneller aufgearbeitet werden kann, zeigen die Niederlande. Bondscoach Ronald Koeman trat nach dem Zwischenrundenaus gegen Marokko zurück – ein Schritt, den Nagelsmann strikt ablehnt. Oranje hat somit einen Zeitvorsprung beim Neuanfang. Am 24. September kommt es in der Nations League zum ersten Länderspiel zwischen den beiden gekränkten Fußball-Nationen. Vorteil Holland.



