Kongos WM-Märchen: Historische Qualifikation nach 52 Jahren
Kongos WM-Märchen nach 52 Jahren

Die Demokratische Republik Kongo ist eines der ärmsten Länder der Welt – und zum ersten Mal seit der Endrunde 1974 in Deutschland wieder bei einer Fußball-WM dabei. Ex-Nationalspieler Elias Kachunga erklärt SPORT1, was hinter dem Märchen der „Leoparden“ steckt.

Triumphzug in Kinshasa

Auf den Straßen von Kinshasa gab es kein Halten mehr. Zehntausende waren gekommen, um ihre Helden zu empfangen, die inmitten eines rot-blauen Fahnenmeers auf einem offenen Bus durch die Stadt tourten. Überall erklang Blasmusik. Die Helden, in diesem Fall die Nationalspieler der Demokratischen Republik Kongo, trugen Shirts mit der Aufschrift: „Vous avez eté heroiques!“ – „Ihr wart heldenhaft!“

Und das waren sie wirklich: Denn die DR Kongo ist zum ersten Mal seit 52 Jahren wieder bei einer Fußball-Weltmeisterschaft dabei. Bei der letzten Teilnahme 1974 in Deutschland hieß das Land noch Zaire und verlor unter anderem mit 0:9 gegen Jugoslawien. Jetzt reist die zweitgrößte Nation Afrikas wieder zum größten Fußballspektakel der Welt. Durch einen 1:0-Sieg gegen Jamaika in den WM-Playoffs qualifizierte man sich für das Turnier im Sommer.

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Kachunga: „Alle Spieler sind jetzt Helden im Land“

Für das Land ist es nicht weniger als eine Sensation, ein historisches Ereignis für Generationen. „Ich glaube, alle Spieler, egal ob sie auf dem Feld gestanden sind oder nur im Kader waren, sind jetzt Helden im Land“, schwärmt Elias Kachunga im Gespräch mit SPORT1. Kachunga, der mit Paderborn und Ingolstadt in der Bundesliga spielte, ist Deutsch-Kongolese und absolvierte 2017 ein Länderspiel für die „Leoparden“.

„Wer das Land ein bisschen näher kennt, der weiß, dass es hier und da immer wieder Unruhen gibt und vieles noch nicht so läuft, wie man möchte. So ein Triumph, wie der von der Nationalmannschaft, gibt dem ganzen Land einen riesigen Push“, erklärt Kachunga weiter. Staatschef Felix Tshisekedi schenkte allen Spielern kurzerhand einen nagelneuen Toyota.

Historische WM-Quali für armes Land

Auch das gehört zur Erzählung dieser Sensation – und macht sie überhaupt erst als solche greifbar: Die DR Kongo gehört noch immer zu den ärmsten Ländern der Welt – die WirtschaftsWoche listet den Staat im globalen Armutsranking auf Rang zehn. Vor allem im Osten des Landes sorgen seit Jahren schwere Ausschreitungen zwischen der Armee und der Rebellengruppe M23 für extreme Gewalt. Anfang März eskalierte der Konflikt abermals. Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Mitten rein in diese politische Eskalation fällt nun die historische WM-Quali: Abwehrspieler Axel Tuanzabe war es, der gegen Jamaika in der Verlängerung eine Ecke ins Tor und Kongo somit zur WM brachte. Der Erfolg der Leoparden ist nichts anderes als der Lohn für sehr gute, fußballerische Arbeit. Mit anderen Worten: Dieser Erfolg hatte sich angebahnt.

Viele Spieler entscheiden sich für Kongo

Bereits für die WM 2022 war der Kongo erst im entscheidenden Quali-Spiel an Marokko gescheitert und fuhr nicht nach Katar – beim Afrika-Cup 2024 wurde man Vierter. Das Team von Nationaltrainer Sébastien Desabre hat sich in den vergangenen Jahren zu einem afrikanischen Top-Team gemausert: „Weil inzwischen so viele Spieler in der Premier League oder in Spanien, Frankreich und Belgien spielen, wird die Qualität natürlich besser“, erklärt Kachunga. Der Marktwert des Kaders liegt bei 153 Millionen Euro, in etwa vergleichbar mit dem von Borussia Mönchengladbach.

Doch noch etwas ist wichtig: „Viele Spieler, die zwei Staatsbürgerschaften haben, entscheiden sich momentan, für den Kongo zu spielen. Das hilft dem Land und zeigt, dass Infrastrukturen sich geändert haben. Viele wollen jetzt für den Kongo spielen“, meint der 34-Jährige.

Und tatsächlich: Viele der WM-Helden könnten auch für ein anderes Land zum Turnier reisen: Aaron Wan-Bissaka etwa durchlief die Jugendmannschaften von England und ist ein gestandener Premier-League-Verteidiger. Noah Sadiki vom FC Sunderland wäre auch für Belgien spielberechtigt, ebenso wie Ngal’ayel Mukau vom OSC Lille. Simon Banza könnte auch für Frankreich auflaufen.

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Früher mussten Spieler Geld für Anreise vorstrecken

Auch an der Infrastruktur der Nationalelf habe sich in den vergangenen Jahren einiges zum Positiven verändert, erklärt Kachunga: „Wenn es zum Beispiel ums Fliegen zur Nationalmannschaft geht: Früher musste man Tickets manchmal selber bezahlen und hat das Geld erst später zurückbekommen.“

Einen großen Anteil an den jüngsten Erfolgen der Leoparden hat auch Coach Sébastian Desabre. Als Kongos Vorgängerstaat Zaire 1974 letztmalig an einer WM teilnahm, war der 49 Jahre alte Franzose noch nicht einmal geboren. Nun hat er das Team zurück auf die größte Bühne des Weltfußballs geführt, dank ruhiger sachlicher Arbeit.

Mit einer kurzen Unterbrechung ist Desabre bereits seit 2010 als Trainer in Afrika unterwegs, coachte unter anderem Vereinsmannschaften in Algerien, Kamerun und der Elfenbeinküste. Auch Nationaltrainer war er schonmal, von 2017 bis 2019 in Uganda. Seit 2022 steht er bei den Kongolesen unter Vertrag.

In WM-Gruppe K trifft der Kongo auf Kolumbien und Usbekistan, am 17. Juni steigen die Leoparden in Houston gegen Portugal ins Turnier ein. Elias Kachunga möchte unbedingt in die USA fliegen, um die Partie live zu verfolgen: „Dass Kongo sich zum ersten Mal nach so langer Zeit qualifiziert hat, ist eine Riesensache“, freut er sich. Dank des neuen Modus mit 48 Teilnehmern und einem Sechzehntelfinale könnte ein Sieg aus drei Spielen bereits zum Weiterkommen reichen.

Kongo-Stars provozierten mit deutlicher Geste

Neben dem sportlichen dürfte aber erneut auch das politische Brennglas auf der Nationalmannschaft liegen. In der Vergangenheit machte das Team immer wieder öffentlich auf die Missstände im Land aufmerksam. Beim Afrika-Cup 2024 etwa hielten sich die Spieler vor Anpfiff mit den Fingern symbolisch eine Pistole an ihren Kopf. „Wenn man sieht, was manchmal im Land los ist, erhofft man sich für die eigene Familie, dass sich Sachen politisch ändern“, sagt Kachunga.

Solche Aktionen könnten helfen, damit sich im Kongo Dinge politisch ändern. Doch Kachunga, der mittlerweile bei Cambridge United in der vierten englischen Liga spielt, ist überzeugt, dass die Politik Nebensache bleiben sollte: „Am Ende des Tages geht es um Fußball, alle sollten sich darauf freuen, dass Kongo dabei ist und dass es ein Fest für das ganze Land wird.“