Julia Simic: Frauen im Fußball sind keine Bedrohung, sondern Bereicherung
Die ehemalige Nationalspielerin Julia Simic, heute Co-Trainerin der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft und TV-Expertin, spricht im exklusiven Interview über die Entwicklung des Frauenfußballs und bestehende Ungleichheiten. Die 36-Jährige betont, dass Frauen niemandem etwas wegnehmen und fordert ein stärkeres Miteinander sowie die gemeinsame Nutzung bestehender Ressourcen.
Erfolgreicher Start als Co-Trainerin in der Schweiz
Mit drei Siegen und einem Unentschieden in der WM-Qualifikation verzeichnet Simic einen erfolgreichen Auftakt in ihrer neuen Rolle. „Es war gut, durch die ungewohnte Umgebung aber auch neu und aufregend“, erklärt sie. Die Heim-EM im vergangenen Sommer habe in der Schweiz einen nachhaltigen Hype ausgelöst, den es nun gelte, in Infrastruktur umzuwandeln. Spielerinnen wie Alisha Lehmann, Sydney Schertenleib, Lia Wälti und Géraldine Reuteler genießen mittlerweile einen hohen medialen Stellenwert.
Die Rolle der Co-Trainerin und strukturelle Herausforderungen
Simic beschreibt den Co-Trainerinnen-Beruf als spannend, da sie sich primär auf den Fußball konzentrieren kann. „In meiner Position habe ich die Möglichkeit, mit den Spielerinnen im engen Austausch zu stehen“, so die ehemalige Eintracht-Jugendtrainerin. Sie arbeitet nun mit Trainer Rafel Navarro zusammen, der sieben Jahre bei Barcelona tätig war, und betont die Bedeutung, von seinen Ansätzen zu lernen.
Zur FIFA-Quote und der Entwicklung des Frauenfußballs
Zur neuen FIFA-Regelung, die mindestens eine weibliche Person im Trainerstab von Frauen-Nationalmannschaften vorschreibt, äußert sich Simic ambivalent: „Eigentlich wehre ich mich dagegen, Frauen aufgrund von Zahlen oder Regelungen in bestimmte Positionen zu bringen“. In einer männerdominierten Welt wie dem Fußball seien solche Zwänge jedoch aktuell noch nötig, um ins Handeln zu kommen und die Trainerinnenausbildung zu fördern.
Die Entwicklung des Frauenfußballs bewertet Simic positiv: „In erster Linie haben sich die Aufmerksamkeit und die Qualität des Spiels verbessert“. Jedes Frauen-Bundesligaspiel sei mittlerweile im Fernsehen sichtbar, und die Akzeptanz habe zugenommen. Dennoch gebe es noch viel zu tun, insbesondere bei der Infrastruktur und der Priorisierung im Nachwuchsbereich.
Konkrete Forderungen und kuriose Anekdoten
Simic fordert, dass die Türen zu bestehenden Infrastrukturen weiter geöffnet werden müssen. „Keiner nimmt irgendwem was weg. Die Frauen sollten nicht als Bedrohung wahrgenommen werden“, betont sie. Eine kuriose Anekdote verdeutlicht die bestehenden Ungleichheiten: Ein männlicher Nachwuchsspieler, der alleine im Besprechungsraum seine Cornflakes aß und so die Nutzung durch das Frauenteam blockierte.
Perspektiven für die Zukunft
Simic kann sich vorstellen, auch eine Männermannschaft zu trainieren, betont aber, dass dies nicht ihr primäres Ziel sei. „Am wichtigsten ist es für mich, den Spielern und Spielerinnen die Möglichkeit zu geben, sich zu verbessern“. Als TV-Expertin bei Sky Sport nimmt sie ihre Rolle bewusst wahr: „Ich interpretiere sie als große Wertschätzung, weiß aber auch um die Wichtigkeit“. Oft erhalte sie Komplimente wie „Du machst das gar nicht so schlecht – für eine Frau“, die zwar nett gemeint, aber dennoch problematisch seien.
Für die Zukunft wünscht sich Simic, dass Frauen in leitenden Rollen im Fußball zur Normalität werden und weniger über ihre Qualität diskutiert werden muss. „Irgendwann sollte es dann bis zum Schulhausmeister überschwappen, der die Trainingsplätze auch an die weiblichen Mannschaften vergibt“. Trotz aller Herausforderungen blickt sie zuversichtlich nach vorne: „Insgesamt sind wir auf einem guten Weg, der innere Druck nimmt zu, sodass Türen immer weiter aufgestoßen werden“.



