Interview mit Frankreich-Experte Alexis Menuge
Der FC Bayern trifft am Dienstag im Halbfinal-Hinspiel der Champions League auf Paris Saint-Germain. Frankreich-Experte Alexis Menuge sieht die Münchner leicht im Vorteil und erklärt die Gründe.
Favoritenrolle: Bayern knapp vor PSG
AZ: Herr Menuge, am Dienstag treffen im Halbfinal-Hinspiel der Champions League Paris Saint-Germain und der FC Bayern aufeinander, die derzeit wohl stärksten Teams Europas. Wer ist aus Ihrer Sicht Favorit?
ALEXIS MENUGE: Ich sehe den FC Bayern leicht vorne, 51:49 Prozent. Die zwei Spiele gegen Real Madrid, die nicht überragend waren, vor allem das Rückspiel nicht, waren wichtig für den Reifeprozess der Mannschaft. Ich bin sicher, dass Bayern vor Real mehr Respekt hatte als jetzt vor PSG. Das hat mit der Geschichte zu tun, PSG ist noch ein relativ junger Verein. Was für Bayern spricht: PSG ist sowohl im Achtelfinale gegen Chelsea als auch im Viertelfinale gegen Liverpool kaum geprüft worden. Vielleicht ist jetzt der Qualitätsunterschied von diesen beiden Teams zu Bayern zu groß für PSG. Eine kleine Rolle könnte auch die Partie im November spielen.
Paris gegen Bayern: ein vorweggenommenes Finale
Als Bayern in der Ligaphase 2:1 in Paris gewonnen hat und eine Halbzeit lang bis zur Roten Karte für Luis Díaz extrem dominant war gegen den Titelverteidiger…
Genau. Da war Paris natürlich noch in einer ganz anderen Verfassung und hat Bayern vielleicht ein bisschen unterschätzt. In dem Spiel hat man schon gesehen, dass der Hunger bei Bayern ein bisschen größer ist. Auch das könnte ein Vorteil sein, die Gier der Bayern. Und ebenso die Fitness.
Ist der Respekt vor Bayern durch diesen 2:1-Sieg noch größer geworden?
In Frankreich wird Bayern als Favorit Nummer eins auf den Champions-League-Titel gesehen, gemeinsam mit PSG. Keiner nennt Arsenal oder Atlético. Es ist ein vorweggenommenes Finale. Viele denken, dass es noch spannender, aufregender und geiler wird als Bayern gegen Real.
Dreh- und Angelpunkt Vitinha ist immer noch nicht richtig fit
Wie schafft es Trainer Luis Enrique, PSG immer wieder in der entscheidenden Phase im Frühjahr in Bestform zu bringen?
Das war schon vergangene Saison zu erkennen. PSG hatte keine richtige Vorbereitung im Sommer und Winter und dazu noch viele Verletzte. Zuletzt ist Vitinha ausgefallen, der wichtigste Spieler der Mannschaft im zentralen Mittelfeld, er ist immer noch nicht richtig fit. Das ist bitter, denn Vitinha ist der Dreh- und Angelpunkt, eine Maschine, vergleichbar mit Joshua Kimmich bei Bayern. Aber es ist genau die Stärke des Trainers, dass die Mannschaft jetzt wieder so stark spielt. Auch wenn einige Spieler nicht auf dem Niveau der vergangenen Saison sind, etwa Désiré Doué oder Nuno Mendes. Und im Tor hatte PSG vergangene Saison mit Gianluigi Donnarumma noch den besten Torhüter der Welt, sein Nachfolger Matvey Safonov kommt da nicht heran. Auch der Spanier Fabián Ruiz war lange verletzt.
Wie wird PSG im Mittelfeld spielen?
João Neves und Warren Zaire-Emery sind gesetzt. Dass Fabián startet, halte ich für ausgeschlossen, er war drei Monate weg. Ich gehe davon aus, dass Vitinha spielt. Falls es bei ihm nicht reicht, könnte Doué als Zehner auflaufen. Das wäre aber sehr offensiv, volles Risiko.
Michael Olise: Genie und Mysterium
Wie wird Michael Olise eigentlich in Frankreich gesehen?
Generell ist Bayern in der französischen Presse nicht so präsent wie Real Madrid oder der FC Barcelona, das war schon immer so. Olise ist sehr beliebt in Frankreich. Er hat in der Nationalmannschaft Antoine Griezmann vergessen gemacht und ist eine feste Größe geworden. Auf der einen Seite ist er ein genialer Spieler, auf der anderen Seite ist er als Person sehr diskret, sehr mysteriös. Auch die Medien haben überhaupt keinen Zugang zu ihm. Dadurch wird es für ihn schwierig werden, mal den Ballon d'Or zu gewinnen – selbst wenn er die Champions League und den WM-Titel holt. Die Kommunikation spielt bei solchen Preisen eine große Rolle – und bei Olise steht da fast eine Null. Daher hätte Harry Kane die besseren Chancen. Was den Respekt angeht: Kane, Olise, Díaz und Kimmich sind die Spieler, die PSG am meisten fürchtet.



