Yan Diomande: Die bewegende Geschichte hinter dem RB Leipzig-Star
Noch vor wenigen Monaten war Yan Diomande (19) in der Fußballwelt praktisch unbekannt. Heute zählt der Außenstürmer von RB Leipzig zu den größten Talenten der Bundesliga und wird von Top-Klubs wie Liverpool, Real Madrid und Paris Saint-Germain umworben. Ab einer Summe von 100 Millionen Euro wäre RB Leipzig laut Berichten zu Gesprächen bereit. Diomande selbst bleibt angesichts des ganzen Trubels erstaunlich gelassen: „Ich habe ein wunderbares Leben, und das verdanke ich RB Leipzig. Ich bin im Verein sehr glücklich und möchte noch viele Erfolge mit dem Team feiern. Meine Ziele sind groß, aber alles kommt zur rechten Zeit.“
Ein schwieriger Start in der Elfenbeinküste
In der aktuellen Ausgabe von SPORT BILD gewährt der Ivorer tiefe Einblicke in seine bewegte Vergangenheit. Geboren wurde Diomande in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste, unter typischen, aber keineswegs einfachen Verhältnissen. „Mein Vater hat uns verlassen und ist nach Frankreich gegangen. Die Situation zu Hause war nicht gut. Also entschied ich mich, mich von meiner Familie zu entfernen, und zog in ein Dorf, wo ich Fußball spielen konnte“, erzählt der Stürmer. „Fußball war meine Leidenschaft und die Chance, etwas in meinem Leben zu erreichen.“
Der Weg dorthin war buchstäblich steinig. „In meiner Heimat ist Fußball eine große Sache. Jeder liebt ihn. Gespielt wird meist auf der Straße, manchmal auch auf Plätzen. Aber diese Plätze sehen nicht aus wie in Deutschland – durch die intensive Sonne sind sie oft gelb statt grün“, schildert Diomande. „Und richtige Fußballschuhe konnten sich die wenigsten leisten. Wir spielten meist in einer Art Sandale, denn für professionelles Schuhwerk brauchte man viel Geld.“
Der einsame Weg in die USA
Der Leiter der Fußballakademie, in der Diomande als Kind trainierte, besorgte ihm schließlich richtige Fußballschuhe. „Er heißt Bamba. Bei ihm habe ich zeitweise sogar gewohnt, weil es zu Hause zu schwierig war. Wir waren einfach zu viele Menschen auf engstem Raum und hatten nur das Nötigste“, erinnert sich der Spieler, der in dieser Schule auch Unterricht erhielt. „Die Schule mochte ich nicht besonders, aber ich wusste, wie wichtig sie ist“, lacht er. „Oft gingen wir schon mit Trikot, Stutzen und Schuhen in den Unterricht, um nachher sofort weiterzuspielen.“
Mit seinen damaligen Mitspielern steht Diomande noch heute in Kontakt. „Wir haben eine WhatsApp-Gruppe mit allen. Die meisten spielen noch immer Fußball – Jocelin Ta Bi bei Sunderland, andere in Europa wie bei Anderlecht, aber die Mehrheit in der Liga der Elfenbeinküste“, berichtet der Stürmer, der als Teenager einen mutigen Schritt wagte: den alleinigen Umzug in die USA.
„Ich musste ganz allein gehen, denn wir konnten uns nur ein Ticket leisten und bekamen nur für mich ein Visum“, sagt Diomande über seine Zeit an der Yulee High School in der Nähe von Jacksonville, Florida. „Ich war sehr weit entfernt von Familie, Freunden und Heimat. Das war anfangs extrem schwer. In Amerika war alles anders als in Afrika.“ Hinzu kam die große Zeitverschiebung, die regelmäßige Kontakte erschwerte. „Ich kam dorthin, ohne ein Wort Englisch zu können. Aber ich brachte mir die Sprache innerhalb weniger Monate selbst über die App Duolingo bei.“
Durchbruch in Europa und emotionale Momente
Diese harte Zeit erwies sich als prägend für das Supertalent. „Trotzdem war ich glücklich. Ich lernte, allein zu leben und es aus eigener Kraft zu schaffen“, so Diomande, der mit seiner Mannschaft auf einem Feld spielte, das eigentlich für American Football markiert war. „In den USA verfolgen die Menschen vor allem Football und Basketball. Aber als ich in der Fußballmannschaft spielte, kamen immer mehr Zuschauer. Sie wollten mich und meine Freunde sehen und mögen Fußball seitdem auch. Das machte mich stolz.“
Anfang 2025 wechselte Diomande nach Leganés, einer Vorstadt von Madrid, in die spanische erste Liga. „Ich war bereits in der Nachwuchs-Nationalmannschaft und träumte davon, in Europa zu spielen“, erzählt er. „Als die Anfrage aus Leganés kam, sagte ich sofort zu, weil ich unbedingt zu einem Profiklub wollte.“ Für den jungen Ivorer war dies eine lebensverändernde Chance: „Wenn du aus Afrika kommst, ist das eine Riesenchance für dich und die ganze Familie. Als Kind habe ich ihnen immer gesagt, dass ich Profi werden würde. Ich habe mein Wort gehalten. Es macht mich unendlich stolz, dass ich schon in so jungen Jahren für meine Familie sorgen kann.“
Sein Debüt in Spanien gab Diomande ausgerechnet gegen Real Madrid. „Ich war so aufgeregt, dass ich davor und danach keine Minute schlafen konnte“, erinnert er sich. „Erst zwei Tage vor dem Spiel wurde ich in die erste Mannschaft berufen, und ich hätte nie gedacht, dass sie mich gegen Real in den Kader nehmen. Als sie es mir sagten, freute ich mich riesig und rief sofort meine Mutter an.“
Ein paar Wochen später erzielte Diomande sein erstes Tor gegen Espanyol Barcelona – und brach in Tränen aus. „Ich dachte an meine verstorbene Schwester. Ich habe sie sehr geliebt und denke ständig an sie“, sagt der Stürmer nachdenklich. „Ich habe alles erreicht, wovon ich träumte, und kann es nicht mit ihr teilen. Das würde ich so gerne. Ich wollte sie immer glücklich und stolz machen.“
Ankunft in Leipzig und große Ziele
Diomande hätte sie gern bei sich in Leipzig, würde ihr die Stadt zeigen, die er schon aus dem Fernsehen kannte, bevor das Angebot von RB kam. „Ich hatte Leipzig schon länger verfolgt, weil dort Amadou Haidara spielte. Vor allem die Champions-League-Spiele sah ich mir an. Als sie fragten, ob ich zu RB will, sagte ich sofort: ‚Ich mache das!‘ Ich musste nicht darüber nachdenken“, erzählt er lachend. „Für mich ist dieser Klub sehr groß, es war ein entscheidender Schritt.“
Inzwischen hat sich Diomande in der Stammelf etabliert, erzielte in der Liga zehn Tore und bereitete sieben vor. „Ich spiele viele Minuten und kann zeigen, was in mir steckt. Aber ich bin noch lange nicht am Ende meiner Entwicklung. Ich will noch besser werden und mehr Tore schießen“, betont der Youngster. „Es ist erst meine erste Saison in Leipzig, und das Zusammenspiel mit den anderen Spielern kann noch besser werden. Die Abstimmung ist noch nicht ganz perfekt. Ich glaube an mich, aber entscheidend ist, dass ich auf meine erfahrenen Teamkollegen und den Trainer höre.“
Ob er diesen Weg über den Sommer hinaus bei RB Leipzig fortsetzt, ist noch ungewiss. Diomande hat sich große Ziele gesetzt. „Mein Bruder sagte mir einmal, ich solle alles gewinnen, was es gibt. Und genau das versuche ich: Irgendwann möchte ich alle Titel gewinnen, die existieren. Und ich weiß, dass ich es schaffe.“
Bei seinem jüngsten Auftritt gegen Hoffenheim (5:0) zog sich Diomande eine Schulterverletzung zu. Doch schon am Wochenende könnte er wieder für Leipzig in Bremen auflaufen. „Es ist nichts Ernstes. Ich bin optimistisch, dass ich bald wieder spiele“, zeigt sich der Ivorer zuversichtlich.



