BVB-Star Anton: So kommen wir auf Augenhöhe mit Bayern
BVB-Star Anton: So kommen wir auf Augenhöhe mit Bayern

BVB-Star Waldemar Anton (29) über das Leben mit drei Frauen, Döner-Duelle auf der Straße und Klebstoff-Vergleiche von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Das große Interview mit dem Dortmunder Nationalspieler.

Wie fühlt man sich eigentlich als Klebstoff, Herr Anton?

Waldemar Anton (29): Sie sprechen wahrscheinlich von der Aussage von Julian Nagelsmann? Richtig. Der Bundestrainer sagte, Sie seien ein Klebstoff für verschiedene Kulturen, Sie könnten mit den Rappern genauso gut wie mit Schwiegermutters Liebling. Es waren sehr schön gewählte Worte, die mich wirklich gefreut haben. Mir ist es wichtig, mit jeder Kultur gut umgehen zu können, dazu muss ich mich aber nicht verstellen. Es liegt sicher auch an meiner Kindheit, dass ich mich gut adaptieren kann.

Ihre Eltern sind mit Ihnen aus Usbekistan nach Deutschland gezogen, um Ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Stimmt es, dass Sie als Kind auf der Straße immer um Döner gespielt haben?

Stimmt! Wir haben als Häuser-Block gegen andere gespielt und immer einen Wettkampf kreiert. Wir mussten aber nie selbst bezahlen, der Dönerladen um die Ecke hat uns am Ende immer eingeladen. Das hat riesigen Spaß gemacht.

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Angefangen haben Sie aber mit Karate?

Ich wollte wirklich erst Karate machen und habe dann mal bei einem Training zugeschaut. Als ich gesehen habe, dass sie dort erst Liegestütze und Klimmzüge machen mussten, habe ich meinem Vater gesagt, ich möchte nicht hierher. So bin ich dann zum Fußball gekommen.

Sie haben mit Ihrer Frau Jenni zwei Töchter. Wer hat zu Hause das Sagen?

Aktuell definitiv meine kleinste Tochter. Sie ist jetzt vier Jahre alt und auf dem Trip, dass sie Dinge macht, die nur sie möchte. Wir machen ihr aber gerade klar, dass es schwierig ist, gegen Mama und Papa anzukommen (lacht). Wir wollen an einem Strang ziehen – wie in einer Mannschaft auch.

Beim BVB sind Sie einer der Wortführer. Welche Werte sind für Sie unverhandelbar?

Zunächst der absolute Siegeswille. Früher hatte ich nach Niederlagen auch mal Wutausbrüche, auch heute bin ich noch ein schlechter Verlierer. Des Weiteren sind mir die Basics extrem wichtig. Wenn diese stimmen, kommt der Rest von ganz allein. Und ich lege großen Wert auf die Trainingsleistungen, notfalls spreche ich das auch deutlich an – aber immer intern.

Nach Ihrer langen Nacht im ZDF-Sportstudio haben Sie das Angebot von Niko Kovac, im Training freizumachen, abgelehnt. Hätte auch jeder andere BVB-Star so entschieden?

Ich hoffe es, denn eine Belohnung muss man sich erarbeiten. Wir haben im Moment die Regel, dass wir nach Siegen einen zweiten freien Tag kriegen, das war nach dem 1:2 in Hoffenheim aber nicht der Fall. Wie spät man nach Hause kommt, spielt keine Rolle. Es gehört sich, zur Arbeit zu erscheinen, so wie es in anderen Berufen auch ist.

Sie wurden zuletzt in den Kandidatenkreis für das Kapitänsamt gezählt. Trauen Sie sich die Binde zu?

Das spielt für mich keine Rolle. Wir haben viele Spieler, die Verantwortung übernehmen. Entscheidend ist, dass wir ehrlich zueinander sind, Dinge gemeinsam entscheiden, aber trotzdem kritisch miteinander umgehen.

Sie hatten beim BVB einen schweren Start. Diese Saison haben Sie in der Liga nur zwei Spiele verletzt verpasst, sonst jede Minute gespielt. Louis van Gaal hat beim FC Bayern mal gesagt: „Thomas Müller spielt immer!“ Gilt Gleiches für Sie beim BVB?

Wir mussten diese Saison auch viele Ausfälle kompensieren. Aber selbst wenn man mir eine Pause anböte, würde ich mich schwertun, diese anzunehmen. Und ja, vergangene Saison habe ich unter Niko Kovac zunächst vier, fünf Wochen nicht gespielt. So eine schwierige Phase hatte ich zuvor nur mal im Alter von 19, 20 Jahren. Ich habe dann beschlossen, nicht weniger, sondern noch mehr zu machen und habe mich zurückgekämpft.

Welche Schulnote würden Sie der BVB-Saison geben?

Ich bin kein Freund von Noten. Ich ärgere mich sogar bis heute darüber, dass ich im Abi nicht besser als 3,0 war. Hätte ich ein paar Stunden mehr gelernt, wäre ich deutlich besser gewesen. Es ist schwierig, für die Saison einen Maßstab anzulegen. Fakt ist aber, dass wir eine sehr ordentliche Liga-Saison spielen.

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Was muss passieren, damit der BVB wieder auf Augenhöhe mit Bayern spielt?

Wir müssen endlich ein Spiel gegen Bayern gewinnen – das ist das Allerwichtigste und Entscheidende. Auch diese Saison haben uns die direkten Duelle wieder etwas geknickt. Man muss aber auch anerkennen, dass die Bayern eine außergewöhnliche Saison spielen. Sie haben auch Ausnahme-Spieler, die unheimlich vielseitig sind. Das habe ich beispielsweise schon dadurch gespürt, dass Harry Kane gar nicht mein direkter Gegenspieler war, sondern er gefühlt das Spiel von der Sechser-Position aus gestaltet hat.

Ist es als BVB richtig, Titel-Träume öffentlich auszurufen?

Natürlich muss man ein paar Dinge nüchtern betrachten, aber ich gehe in jedes Spiel rein mit dem Ziel, es zu gewinnen. Das muss immer das Ziel sein, sonst ist man als Sportler am falschen Ort. Dass es am Ende vielleicht auch nicht klappt, gehört im Sport genauso dazu.

Vermissen Sie den Spektakel-Fußball, für den Borussia Dortmund immer stand?

Ich finde unsere Spiele gar nicht so unspektakulär. Viele Spiele haben wir erst in der Schlussphase entschieden, das sind Spektakel-Momente, die man nicht vergisst. Ich hatte immer das Gefühl, dominant zu sein und dass wir auch noch gewinnen werden, wenn es lange 0:0 steht.

Atlético Madrid und einige Premier-League-Klubs sollen an Ihnen dran sein. Wie konkret ist das Interesse?

Es wird immer viel geschrieben und gesprochen. Ich habe mir angewöhnt, solche Themen ganz generell nicht zu kommentieren. Ihr Vertrag läuft 2028 aus. Würden Sie auch nur mit Ausstiegsklausel verlängern so wie Ihr Kollege Nico Schlotterbeck? Für Vertragsthemen anderer Spieler bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich weiß ja nicht, was sie verhandelt haben. Ich persönlich bin sehr glücklich darüber, dass Nico verlängert hat. Wir wissen alle, wie wichtig er ist und wie er für den Verein lebt. Nico ist ein unglaublich guter Spieler, der auf dem Platz Dinge sieht, die andere erst deutlich später sehen.