BVB-Kommentar: Sebastian Kehl verlässt Dortmund als Bauernopfer der Führungsetage
Die Trennung von Sportdirektor Sebastian Kehl beim Borussia Dortmund markiert eine tiefgreifende Zäsur für den Bundesliga-Verein. Der 46-jährige ehemalige Kapitän, der 2022 die Nachfolge von Legende Michael Zorc antrat, verließ den BVB nach einer fortschreitenden Isolation in der Chefetage. Ohne starke Hausmacht war Kehl praktisch zum Scheitern verurteilt, da er am Ende nur noch in einer einsamen Einerkette spielen konnte.
Isolation und unterschwellige Kritik
Keine glühenden Verfechter mehr: Weder Matthias Sammer noch Lars Ricken, Hans-Joachim Watzke oder andere Schlüsselfiguren standen in den letzten Monaten voll hinter seiner Arbeit. Im Hintergrund schwang stets die Kritik mit, der ehemalige Nationalspieler agiere in seinen Entscheidungen zu zögerlich und betreibe zu sehr eine Ich-AG. „Mr. Maybe“ nannten ihn Insider hinter vorgehaltener Hand – eine bissige Anspielung auf seine langwierigen Entscheidungsprozesse.
Für einen Ex-Meister-Kapitän des BVB ist der Vorwurf mangelnder Teamfähigkeit besonders schwerwiegend. Dies passt kaum zum Klub-Slogan „Echte Liebe“ und den betonten Ruhrpott-Werten wie Malochertum und Gemeinschaft. Ironischerweise fand am Wochenende der „Together-Aktionsspieltag“ in der Bundesliga statt – während am Sonntag der Zusammenhalt in der BVB-Führung vorerst zerbrach.
Fehler und Erfolge einer umstrittenen Amtszeit
Zweifellos hat Sebastian Kehl während seiner Zeit als Sportdirektor Fehler gemacht. Überteuerte Transfers wie Yan Couto oder Carney Chukwuemeka entfalteten kaum die erhoffte Wirkung. Dem stehen jedoch auch erfolgreiche Big-Deals gegenüber, etwa die Verpflichtungen von Felix Nmecha (25) und Nico Schlotterbeck (26). In Krisenzeiten hielt Kehl stets klaglos den Kopf hin und übernahm Verantwortung.
Wahr ist aber auch, dass sich andere Mitstreiter hinter ihm versteckten und ihn als Schutzschild für eigene Pannen missbrauchten. Die sportliche Führung beim BVB benötigte dringend eine Neuausrichtung, weshalb die Trennung für alle Beteiligten der richtige Schritt war. In der bestehenden Konstellation konnte kaum neue Harmonie entstehen.
Neuanfang und die Lehren aus dem Kehl-Kapitel
Ab sofort muss Geschäftsführer Lars Ricken (49) unter Beweis stellen, dass er dem enormen Druck der Fußballbranche gewachsen ist. Seine Aufgabe ist es, eine erfolgsorientierte Vision für den neuen BVB zu entwickeln und umzusetzen. Die zentrale Lehre aus dem Kehl-Kapitel lautet: Der Verein muss wieder zur echten Einheit werden – sowohl auf dem Platz als auch auf der VIP-Tribüne.
Ob künftig alles besser läuft, bleibt abzuwarten. Vielleicht gelingt es dem BVB mit mehr Geschlossenheit in der Führungsetage bald wieder, einen Titel zu gewinnen. Die massive Zäsur durch Kehls Abgang bietet die Chance für einen notwendigen Neuanfang, der dringend erforderlich ist.



