Vertrauen nach 13 Jahren bitter enttäuscht: Rheumapatient ohne Transport zur Behandlung
13 Jahre lang konnte sich Martin Gaul aus Neubrandenburg auf seinen Taxifahrer verlassen. Der 54-Jährige, der seit Jahren unter Rheuma und starken Schmerzen leidet, wurde stets zuverlässig zu seinen medizinischen Behandlungen gefahren. Doch dieses Vertrauensverhältnis wurde jäh beendet: „Der hat mich einfach hängen lassen“, berichtet Gaul mit deutlicher Enttäuschung in der Stimme. Sein bisheriger Taxi-Partner sagte kurz vor Beginn eines landesweiten Protests im Taxigewerbe die Krankenanfahrt für eine lebenswichtige Behandlung ab.
Wöchentliche Fahrten zur lebensnotwendigen Therapie
Martin Gaul ist auf regelmäßige Krankentransporte angewiesen. Wegen seiner körperlichen Einschränkungen hat ihm die Krankenkasse schon seit Jahren eine Dauerfahrtkostengenehmigung erteilt. „Wöchentlich muss ich gegenwärtig zu einer neuartigen, lebenswichtigen onkologischen Behandlung zur Uni-Medizin Greifswald“, erklärt der Patient. In den kommenden Wochen müsse er zudem regelmäßig sein Blut untersuchen lassen. „Da greift man nach jedem Strohhalm“, sagt der 54-Jährige, der erst kürzlich von einem anstrengenden Krankenhausaufenthalt zurückgekehrt ist.
Protestaktion lässt Hunderte Patienten im Stich
Die Situation eskalierte, als etwa 200 Taxifahrer und Fahrdienste in Mecklenburg-Vorpommern zu einer Protestfahrt gegen aus ihrer Sicht zu niedrige Fahrtarife der Krankenkassen aufriefen. Nach Angaben des Landesverbandes des Taxi- und Mietwagengewerbes MV wurden am Aktionstag am 1. April bis zu 2000 Krankenfahrten abgesagt. „Der Streit wird auf dem Rücken der Patienten ausgetragen“, kritisiert Gaul scharf. „Dafür habe ich kein Verständnis – da geht es schließlich um Menschenleben.“
Der Neubrandenburger betont, dass immungeschwächte Patienten nicht einfach öffentliche Verkehrsmittel nutzen könnten. Stundenlang habe er telefoniert, um einen alternativen Fahrdienst zu finden – zunächst vergeblich. „Ich bin menschlich enttäuscht“, fasst Gaul seine Gefühle zusammen. Jahrelang habe das Taxiunternehmen mit den Krankenfahrten Geld verdient, nun werde er in einer existenziellen Situation alleingelassen.
Tarifstreit spaltet das Taxigewerbe
Hintergrund ist ein monatelanger Konflikt zwischen Taxiunternehmen und Krankenkassen über höhere Tarife für Krankenfahrten. Während die Kassen zehn Prozent höhere Tarife plus einen Zuschlag für steigende Kraftstoffkosten anboten, bestand der Landesverband auf einer Erhöhung um 60 Prozent. Der Streit eskaliert zunehmend und spaltet das Gewerbe:
- André Thedran, Chef des Fahrdienstes Ostseeküste in Bergen auf Rügen, warnt vor unerträglichen Zuständen
- In internen Chatgruppen werde gegen Unternehmen gehetzt, die Einzelvereinbarungen mit Kassen schließen
- An Fahrzeugen von kooperationswilligen Betrieben seien sogar Reifen zerstochen worden
- Die Auseinandersetzungen würden immer persönlicher werden
Thedran kritisiert die Absagen von Krankenfahrten deutlich: „Wenn Patienten monatelang auf Facharzttermine gewartet haben oder zur Dialyse, Bestrahlung oder Chemobehandlung müssen, dürfen wir sie nicht hängenlassen.“ Er mahnt mehr Sachlichkeit und einen Kompromiss an.
Einzelverträge bringen vorläufige Lösung
Für Martin Gaul hat sich die Situation inzwischen entspannt. Auf Vermittlung der AOK Nordost sichert nun ein anderer Fahrdienst seine wöchentlichen Fahrten zur Behandlung ab. „Das gibt mir für die kommenden Wochen wieder Sicherheit“, freut sich der Patient. Auch anderen Betroffenen konnte geholfen werden: Die vertragsbeteiligten Landesverbände der Kranken- und Ersatzkassen in MV teilten mit, dass in den vergangenen Tagen Vorsorge getroffen und mit etwa 200 Taxiunternehmen Einzelverträge für den Krankentransport geschlossen wurden.
Doch die grundsätzliche Problematik bleibt ungelöst. Während kleinere Einzelunternehmen mit den aktuellen Tarifen von 2,10 Euro je Kilometer plus zwei Euro Zuschlag je Fahrt zurechtkommen könnten, sehen größere Betriebe ihre Existenz gefährdet. Die Patienten wie Martin Gaul hoffen auf eine dauerhafte Lösung, die nicht auf ihrem Rücken ausgetragen wird.



