Leserempörung über Auftritt von Egon Krenz bei DDR-Nostalgieveranstaltung
Ein DDR-Nostalgieabend in Waren hat bei Lesern des Heimweh-Newsletters des Nordkurier heftige Reaktionen ausgelöst. Im Mittelpunkt der Kritik steht Egon Krenz, der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR, der auf der Bühne neben anderen DDR-Prominenten wie Frank Schöbel, Täve Schur und Waldemar Cierpinski auftrat. Viele Leser fragen sich nun, ob solche Veranstaltungen ein Grund sein könnten, die alte Heimat nicht mehr zu besuchen.
„Verurteiltem Massenmörder keine Bühne bieten“
Besonders empört zeigt sich Leser Jürgen, der in einem Leserbrief schreibt: „Dafür habe ich zur Wendezeit nicht heimlich und voller Angst Unterschriftenlisten und Flugblätter vervielfältigt.“ Jürgen erinnert daran, dass Krenz wegen der Schüsse an der Mauer zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er lediglich vier Jahre absitzen musste. „Diese rechtskräftig verurteilten Massenmörder bewegen sich nun frei und erhalten in der freien Presse eine Plattform“, kritisiert er scharf.
Jürgen berichtet von eigenen Erfahrungen in der DDR: Er durfte die Erweiterte Oberschule nicht besuchen, musste den Wehrdienst als Bausoldat ableisten und kämpfte vergeblich um einen Studienplatz. 1988 wurde er wegen angeblicher Spionage und versuchter Republikflucht von der Stasi verhaftet. „Er und seinesgleichen haben diese menschenverachtende Diktatur mit aufgebaut und am Leben gehalten“, schreibt Jürgen. Seine Überlegungen, in die Heimat zurückzukehren, seien durch den Artikel nun in weite Ferne gerückt.
Gemischte Reaktionen aus der Leserschaft
Die Veröffentlichung von Jürgens Leserbrief löste weitere Reaktionen aus. Leser Steffen schreibt: „Eigentlich doch erbärmlich und lächerlich. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen.“ Steffen betont, dass er mit Frank Schöbel, Täve Schur und Waldemar Cierpinski kein Problem habe, sehr wohl aber mit Egon Krenz. „Er ist einfach ein verurteilter Krimineller, völlig uneinsichtig“, so Steffen, der dennoch regelmäßig seine Heimatstadt Wolgast besucht.
Leserin Dorothea aus Berlin fragt knapp und deutlich: „Welcher Geist wird hier vertreten?“ Sie kritisiert, dass Krenz noch immer eine Bühne erhalte, obwohl es kein Bewusstsein für seine Verantwortung bei der Verletzung von Menschenrechten in der DDR gebe.
Andere Stimmen fordern Differenzierung
Leser Frank aus Schleswig-Holstein sieht dies anders: „Man mag zu Krenz stehen, wie man will. Er hat seine Strafe bekommen und wie auch immer verbüßt.“ Ihn immer wieder als Kriminellen zu bezeichnen, zeuge seiner Meinung nach von zeitgeschichtlicher Verblendung. „Deshalb seine Heimat nicht zu besuchen, ist genauso kurzsichtig wie die Politik in der DDR“, schreibt Frank und fügt hinzu: „Es ist also doch etwas hängen geblieben.“
Heimweh-Newsletter als Brücke zur alten Heimat
Der Heimweh-Newsletter des Nordkurier richtet sich an Menschen, die Mecklenburg, Vorpommern, die Prignitz oder die Uckermark verlassen haben, aber noch immer an ihrer Heimat hängen. Jeden Donnerstag um 18 Uhr zeigt er Erfolgsgeschichten, inspirierende Menschen und positive Nachrichten aus einer Region, die viele schon abgeschrieben haben. Die aktuelle Debatte um den Auftritt von Egon Krenz zeigt jedoch, dass die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit auch in diesem Kontext kontrovers diskutiert wird.
Die Frage bleibt, wem man die Deutungshoheit über die eigene Ost-Vergangenheit überlässt. Sollten die „ewigen Besserwisser“, wie es in der Diskussion heißt, so viel Einfluss erhalten? Die Leserreaktionen machen deutlich, dass dieses Thema auch Jahrzehnte nach der Wende noch immer tiefe Emotionen und unterschiedliche Standpunkte hervorruft.



