Ein Schatz unter Tage: Im Winterquartier der Fledermäuse in Frankfurt (Oder)
Fledermaus-Winterquartier in alter Brauerei Frankfurt (Oder)

Ein Schatz unter Tage: Im Winterquartier der Fledermäuse

In einem der bedeutendsten Winterquartiere Deutschlands schlummern Hunderte Fledermäuse in tiefem Winterschlaf. Nur einmal jährlich erhalten Besucher die seltene Gelegenheit, das Große Mausohr und seine Verwandtschaft in ihrem natürlichen Rückzugsort zu beobachten. Mitten in Frankfurt (Oder), in den Gewölben der ehemaligen Ostquell-Brauerei, befindet sich eines der kleinsten Naturschutzgebiete Brandenburgs – doch mit internationaler Relevanz.

Historische Brauerei als Fledermaus-Paradies

Wo einst Bier gebraut wurde, hängen heute Große Mausohren, Fransenfledermäuse, Teichfledermäuse und Mopsfledermäuse dicht beieinander und verbringen die letzten Tage der kalten Jahreszeit im energiesparenden Winterschlaf. In den tief unter der Erde gelegenen Kellern überwintern jedes Jahr Hunderte dieser nachtaktiven Säugetiere, darunter auch Tiere aus Polen und Tschechien.

„Winterquartiere wie diese sind Edelsteine in der Landschaft“, betont der Berliner Fledermausforscher Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW). Die fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit und frostfreien Temperaturen schaffen ideale Bedingungen für die empfindlichen Tiere.

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Ehrenamtliche Betreuung seit Jahrzehnten

Norbert Bartel betreut das Revier bereits seit 1990 ehrenamtlich. „In diesem Jahr haben wir hier 800 Fledermäuse, davon etwa 300 Große Mausohren“, berichtet der engagierte Naturschützer. Wöchentlich steigt er in die dunklen, zehn bis fünfzehn Meter tief gelegenen Kellergewölbe hinab, um nach dem Rechten zu sehen.

Viel hat er in den vergangenen Jahrzehnten erlebt: von neugierigen Kindern über Zigarettenschmuggler bis hin zu Investoren, die das Gelände bebauen wollten. „Jetzt gehört es der Stiftung Euronatur und ist sicher“, erklärt Bartel erleichtert. Das Gebiet steht unter besonderem europäischem Schutz und erinnert an die frühere Bierproduktion nur noch durch verrostete Bügelverschlüsse.

Einmalige Besichtigungsmöglichkeit

Einmal im Jahr führen Bartel und sein Mitstreiter Hans-Georg Gündel Besuchergruppen durch die Gewölbe, Kammern und Verbindungsgänge. Während des Winterschlafs dürfen die Tiere nicht gestört werden, daher ist diese Gelegenheit besonders wertvoll. Mit Taschenlampen lassen die Führer das Licht kurz über Decken und Mauerritzen gleiten – und enthüllen so die verborgenen Bewohner.

Für das Große Mausohr ist dieses Quartier eines der größten bekannten Überwinterungsorte Deutschlands, wie Thomas Frey, Sprecher des Landesamts für Umwelt, bestätigt. „Die Lage des Quartiers ist einzigartig“, betont er. Vergleichbare Winterquartiere in urbanen Räumen der Region sind die Zitadelle Spandau und die großen Wasserwerke in Berlin Friedrichshagen und Tegel.

Besorgniserregender Rückgang der Population

Viele Jahre lang zählten Bartel und andere Ehrenamtliche etwa 2.000 überwinternde Tiere. „Seit 2017/18 haben wir einen langsamen Rückgang, aber in den vergangenen Jahren wurde er stärker und es ist nicht so richtig klar, woran es liegt“, erklärt Bartel besorgt. Der ehrenamtliche Naturschützer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vermutet ein ganzes Bündel an Faktoren:

  • Verändertes Wassermanagement im Gebäude nach der Dachsanierung
  • Zunehmende Bebauung der Einflugschneise aus Polen
  • Insektenschwund und damit Nahrungsmangel

Christian Voigt hält den Rückgang für alarmierend – auch, weil er dem bundesweiten Trend widerspricht. „Maßnahmen, die direkt am Quartier ergriffen werden, können sich massiv auf das Mikroklima auswirken, die Luftfeuchtigkeit ist entscheidend“, so der Experte.

Deutschlandweite Erholung mit regionalen Problemen

Generell befinden sich die Fledermausbestände in Deutschland noch immer in einer langen Erholungsphase. „In den 1960er, 70er Jahren hatten wir heftige Bestandseinbrüche bei allen Fledermausarten im Zuge der Nutzung von DDT und anderen sehr toxischen Stoffen“, erinnert Voigt. Diese Giftstoffe dezimierten ganze Populationen, weshalb heute alle Fledermausarten streng geschützt sind.

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Voigt erklärt: „Ein Weibchen bringt nur ein bis zwei Jungtiere im Jahr zur Welt – wenn so ein massiver Bestandseinbruch passiert ist, dauert es mehrere Jahrzehnte, bis man wieder bei normal angekommen ist.“ Bei Arten, die in unterirdischen Quartieren überwintern, seien steigende Zahlen erkennbar.

Moderne Gefahren für Fledermäuse

Sorgen bereiten vor allem Arten, die auf Wälder und strukturreiche Lebensräume angewiesen sind. Deutschland trägt eine besondere Verantwortung für die Mopsfledermaus und die Bechsteinfledermaus, die unter der Intensivierung der Waldbewirtschaftung leiden. Rätselhaft bleibt der Rückgang beim Grauen Langohr und bei der Teichfledermaus.

Ein besonders drängendes Problem stellt die Windenergie dar: „Wir haben im Schnitt zwölf bis 14 tote Fledermäuse pro Anlage und Jahr zu verzeichnen – bei 30.000 Anlagen kommt eine stattliche Summe zusammen“, rechnet Voigt vor. Nur etwa ein Drittel der Anlagen verfüge über eine Betriebssteuerung zum Fledermausschutz.

Zusätzliche Bedrohungen im Alltag

Weitere Gefährdungsfaktoren sind:

  1. Quartierverlust durch Gebäudesanierungen
  2. Lichtverschmutzung in urbanen Räumen
  3. Insektenschwund als Nahrungsgrundlage
  4. Störungen in Winterquartieren durch Freizeitaktivitäten

Auch moderne Freizeittrends wie Lost-Places-Touren oder Geocaching setzen überwinternden Tieren zu. „Wenn sie aufwachen, verbrennen sie Energie – und die fehlt ihnen am Ende des Winters“, warnt Voigt.

Der Winterschlaf in der ehemaligen Brauerei dauert etwa bis Ende März. Dann erwachen die Fledermäuse aus ihrer Winterruhe und verlassen ihr geschütztes Quartier, um in die wärmeren Monate zu starten – hoffentlich mit stabilen Populationen und ausreichend Nahrung in der brandenburgischen Landschaft.