Schicksalswahl in Ungarn: Orbans Macht steht auf dem Spiel wie nie zuvor
Ungarns Schicksalswahl: Orban muss um seine Macht zittern

Schicksalswahl in Ungarn: Orbans Macht steht auf dem Spiel wie nie zuvor

Im EU- und Nato-Mitglied Ungarn findet am Sonntag eine Parlamentswahl statt, die als die wichtigste Wählerentscheidung seit der demokratischen Wende 1989/90 gilt. Der Ausgang bestimmt, ob Ministerpräsident Viktor Orban ein weiteres Mandat erhält oder nach 16 Jahren nahezu unangefochtener Herrschaft die Macht verliert. Die Aussichten auf einen Regierungswechsel sind so real wie noch nie seit seinem Amtsantritt 2010.

Magyar als Herausforderer: Ein ehemaliger Gefolgsmann droht Orban zu stürzen

Orbans ehemaliger Gefolgsmann Peter Magyar hat mit der bürgerlichen Tisza-Partei eine Oppositionskraft geschaffen, der die meisten Umfragen einen Wahlsieg zutrauen. Der Rechtspopulist Orban hat in seiner Regierungszeit einen halb-autoritären Staat errichtet, Ungarn auf einen Konfrontationskurs zur Europäischen Union gesteuert und sich mit Russland sowie der US-Administration von Präsident Donald Trump verbündet. Sein Bund Junger Demokraten (Fidesz) unterhält freundschaftliche Beziehungen zu anderen rechtspopulistischen Parteien in Europa, darunter auch zur deutschen AfD.

Letzte Wahlkampfauftritte: Orban wirbt mit Erfahrung, Magyar verspricht Neuanfang

Am Samstagabend hielten die beiden Hauptkontrahenten ihre Schlusskundgebungen ab. Orban warb auf der Burg von Buda vor gut 2.000 Anhängern mit seiner langen Regierungserfahrung. Er empfahl sich als „die sichere Wahl“ und als Garant dafür, dass das Land nicht in den Krieg in der benachbarten Ukraine hineingezogen werde. Magyar wiederum versprach in der ostungarischen Stadt Debrecen einen Neuanfang nach Jahrzehnten schlechten und oft korrupten Regierens. Ihm hörten mehr als 10.000 begeisterte Menschen zu.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Wahlsystem begünstigt Fidesz: Komplexe Regeln sorgen für unverhältnismäßige Vorteile

Ungarns Wahlsystem ist sehr komplex und von Orban sowie seinen Juristen so ausgestaltet, dass die Fidesz-Partei unverhältnismäßige Vorteile genießt. 106 der 199 Mandate werden in Einzelwahlkreisen vergeben, wobei das Mandat an den Kandidaten mit den relativ meisten Stimmen geht. Die Wahlkreise sind so zugeschnitten, dass größere Städte auf mehrere Kreise aufgeteilt sind, denen ländliche Gebiete zugeschlagen sind. In den kleineren Dörfern verfügt Fidesz über eine starke Wählerbasis, während die Bürger in den Städten mehrheitlich der Tisza zuneigen.

Wahlforschern zufolge kann der Fall eintreten, dass Tisza mit ein bis drei Prozentpunkten Vorsprung vor dem Fidesz gewinnt und die Orban-Partei am Ende dennoch eine Parlamentsmehrheit hat. Den Umfragen zufolge könnte nur eine einzige weitere Partei die für den Einzug ins Parlament maßgebende Fünf-Prozent-Hürde überspringen. Die rechtsextreme Partei Unsere Heimat (Mi Hazank) gilt als potenzieller Bündnispartner des Fidesz für den Fall, dass Magyars Tisza keine Parlamentsmehrheit erringt.

Wahlablauf und mögliche Szenarien: Spannende Stunden bis zum Ergebnis

Rund acht Millionen Bürger sind wahlberechtigt. Die Wahllokale öffnen um 6.00 Uhr und schließen um 19.00 Uhr. Es gibt keine Wahltagsumfragen und keine Hochrechnungen. Mit aussagekräftigen Teilergebnissen wird am späten Sonntagabend gerechnet. Die Wahlkommission gibt nach der Schließung der Wahllokale fortlaufend Teilergebnisse auf der Grundlage des jeweiligen Auszählungsstandes bekannt.

Bei einem knappen Ergebnis könnte der Fall eintreten, dass jene Stimmen, die ungarische Wahlberechtigte an Botschaften und Konsulaten im Ausland abgeben, das Ergebnis noch verändern könnten. Diese Stimmen werden erst bis zum nächsten Samstag ausgezählt. Am diesem Sonntag würde dann noch kein definitives Ergebnis vorliegen. Die meisten Umfragen gehen aber von einem klaren Wahlsieg Magyars aus, mit einem Vorsprung von rund zehn Prozentpunkten oder mehr.

Zweidrittelmehrheit im Fokus: Magyar könnte an Orbans Institutionen scheitern

Offen bleibt die Frage, ob Magyars Tisza eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im neuen Parlament haben wird. Dies würde dem Oppositionellen das Regieren erheblich erleichtern. Orban hatte über diese Super-Mehrheit nach allen Wahlen seit 2010 verfügt. Aufgrund der Unausgewogenheit des Wahlsystems und der Zersplitterung der damaligen Opposition reichten ihm dafür Stimmanteile zwischen 45 und 54 Prozent.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Auf diese Weise besetzte er wichtige Institutionen wie das Verfassungsgericht, den Obersten Gerichtshof oder die Medienaufsichtsbehörde mit treuen Gefolgsleuten. Sie könnten zahlreiche politische Vorhaben Magyars wie etwa die Bekämpfung der Korruption blockieren. Den meisten Umfragen zufolge ist eine Zweidrittelmehrheit für Magyar nicht ausgeschlossen, zugleich aber auch eher unwahrscheinlich. Linke, grüne und liberale Parteien haben diesmal keine Chance auf einen Parlamentseinzug oder treten erst gar nicht zur Wahl an, um dem Orban-Herausforderer Magyar nicht Stimmen wegzunehmen.