Historische Wahlentscheidung in Ungarn mit Rekordbeteiligung
Die Parlamentswahl in Ungarn entwickelt sich zu einer historischen Abstimmung mit einer außergewöhnlich hohen Wahlbeteiligung. Nur wenige Stunden vor Schließung der Wahllokale zeichnet sich bereits ein Rekord ab: Nach Angaben der zentralen Wahlbehörde haben bis vier Stunden vor Ende der Abstimmung bereits 66,01 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Damit liegt die Beteiligung deutlich über dem Wert von 52,75 Prozent, der bei der letzten Parlamentswahl 2022 zum gleichen Zeitpunkt verzeichnet wurde.
Ungewisser Ausgang trotz hoher Mobilisierung
Mehrere ungarische Medien sprechen bereits von einer Rekordwahlbeteiligung, doch Experten betonen, dass unklar bleibt, welcher politischen Seite die hohe Mobilisierung tatsächlich nützt. Entscheidend wird die geografische Verteilung der Wählerstimmen sein, denn von den insgesamt 199 Parlamentsabgeordneten werden 106 direkt in den Wahlkreisen mit relativer Mehrheit gewählt – der Rest erfolgt über Parteilisten.
Die besondere Herausforderung liegt in der Gestaltung der Wahlkreise: Größere Städte sind auf mehrere Kreise aufgeteilt, denen ländliche Gebiete zugeschlagen wurden. Während die regierende Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán in den kleineren Dörfern über eine starke Wählerbasis verfügt, neigen die Stadtbewohner mehrheitlich zur Oppositionspartei Tisza von Herausforderer Péter Magyar.
Appelle beider Kontrahenten zur Stimmabgabe
Sowohl Orbán als auch Magyar würdigten die hohe Wahlbeteiligung und riefen die Bürger mehrfach zur Teilnahme an der Abstimmung auf. Péter Magyar erklärte in einem Videobeitrag bei Facebook: „Eine Menge Ungarn sind aufgebrochen, das System zu ändern. Heute Abend wird der Alptraum zu Ende sein, den wir jahrelang erlebt haben.“ Der Wahltag sei aus seiner Sicht „ein Fest der Demokratie“. Bereits bei seiner eigenen Stimmabgabe am Morgen hatte Magyar zuversichtlich erklärt, mit einem Sieg seiner Partei Tisza zu rechnen.
Viktor Orbán postete ebenfalls auf Facebook: „Sehr viele gehen zur Wahl. Das bedeutet nur eines: Wenn wir Ungarns Sicherheit verteidigen wollen, darf kein einziger Vaterlandsliebender zu Hause bleiben.“ Mit diesem Verweis auf die Sicherheit spielte Orbán auf sein zentrales Wahlkampfthema an – er präsentierte sich den Wählern als Garant dafür, dass Ungarn nicht in den Krieg im von Russland angegriffenen Nachbarland Ukraine hineingezogen werde.
Historische Bedeutung der Wahl
Diese Wahl gilt als die wichtigste Wählerentscheidung in Ungarn seit der demokratischen Wende 1989/90. Jüngsten Umfragen zufolge hat Herausforderer Péter Magyar von der Partei Tisza gute Chancen auf einen Wahlsieg. Magyar ist erst seit etwa zwei Jahren politisch aktiv und war zuvor nur wenigen Ungarn bekannt.
Den Umfragen zufolge könnte nur eine weitere Partei die für den Einzug ins Parlament maßgebende Fünf-Prozent-Hürde überspringen: die rechtsextreme Partei Unsere Heimat (Mi Hazank), die als potenzieller Bündnispartner für Orbáns Fidesz gilt, falls Magyars Tisza keine Parlamentsmehrheit erringt. Linke, grüne und liberale Parteien haben diesmal keine realistischen Chancen auf einen Parlamentseinzug oder traten erst gar nicht zur Wahl an, um dem Orbán-Herausforderer Magyar keine Stimmen wegzunehmen.
Kontrastierende Wahlkampfthemen und politische Visionen
Am Samstagabend vor der Wahl hielten beide Hauptkontrahenten ihre Schlusskundgebungen ab. Viktor Orbán warb auf der Burg von Buda vor etwa 2.000 Anhängern mit seiner langen Regierungserfahrung und empfahl sich als „die sichere Wahl“ und als Garant für den Frieden. Péter Magyar versprach dagegen in der ostungarischen Stadt Debrecen vor mehr als 10.000 begeisterten Zuhörern einen Neuanfang nach Jahrzehnten schlechter und oft korrupter Regierungsführung.
Orbán hat seit seinem letzten Amtsantritt als Ministerpräsident im Jahr 2010 einen halb-autoritären Staat errichtet, sein Land auf einen Konfrontationskurs zur Europäischen Union gesteuert und sich mit Russland sowie der US-Regierung von Präsident Donald Trump verbündet. Magyar versprach im Wahlkampf hingegen, Ungarn wieder zu einem konstruktiven Partner in der Europäischen Union zu machen.
Wahlablauf und Ergebnisprognose
Rund acht Millionen Bürger sind bei dieser historischen Wahl stimmberechtigt. Die Wahllokale öffneten um 6.00 Uhr und schließen um 19.00 Uhr. Es gibt weder Wahltagsumfragen noch Hochrechnungen während der Abstimmung. Mit aussagekräftigen Teilergebnissen wird erst am späten Sonntagabend gerechnet, wenn die Auszählung weit fortgeschritten ist.
In einer bemerkenswerten Aussage erklärte Orbán am Morgen nach seiner Stimmabgabe vor Journalisten, dass er seinem Herausforderer Magyar gratulieren würde, sollte dieser die Wahl tatsächlich gewinnen. Auf die Frage, welches Ausmaß eine Niederlage seiner Partei Fidesz haben müsste, damit er deren Vorsitz niederlegt, antwortete Orbán knapp: „Ein großes“.



