Orbans Abwahl: Ein Wendepunkt für Europas Rechte
Ungarns langjähriger Regierungschef Viktor Orban galt vielen Rechtsaußen-Parteien in Europa als Ikone und Vorbild. Nach seiner überraschenden Abwahl suchen Europas Rechtspopulisten nun nach neuer Orientierung und zeigen sich in ihren Reaktionen unterschiedlich betroffen. Orban hatte sein Land über 16 Jahre hinweg mit technischem und organisatorischem Geschick zu einer sogenannten "illiberalen Demokratie" umgebaut, was bei seinen Bewunderern auf großes Interesse stieß. Sein plötzlicher Machtverlust stellt die europäische Rechte vor die Herausforderung, den Verlust dieses politischen Bezugspunkts zu verarbeiten und ihre Strategien anzupassen.
Deutschland: AfD trifft die Niederlage hart
Für die AfD ist Orbans Wahlniederlage ein schwerer Schlag. Parteichefin Alice Weidel, die ein enges Verhältnis zu ihm pflegte und kurz vor der Bundestagswahl 2025 in Budapest fast wie ein Staatsgast empfangen worden war, suchte lange nach den richtigen Worten. Schließlich gratulierte sie am Nachmittag nach dem Wahltag bei X der siegreichen Partei Tisza und dankte Orban für seine Leistungen. Ein Bild mit Orban von Weidels Treffen in Budapest ziert weiterhin ihr Profil bei X. Andere AfD-Politiker wie Benedikt Kaiser gaben ihrer Enttäuschung über das Ergebnis Ausdruck und warnten, dass eine zu starke Bindung an einen "harten Trumpismus" der heimischen Rechten schaden könnte.
Frankreich: Strategischer Verlust für Le Pen
Für Frankreichs Rechtsnationale Marine Le Pen ist Orbans Niederlage persönlich und strategisch enttäuschend. Seit Jahren pflegten Le Pen und Orban ein enges Verhältnis, und sie hatte ihn erst kürzlich als Freund und Pionier gelobt. Nach der Wahl sprach sie davon, dass er den Machtwechsel mit Eleganz vollzogen habe. Im Rassemblement National hofft man darauf, dass Le Pen oder Parteichef Jordan Bardella im nächsten Jahr französisches Staatsoberhaupt werden und dann den Kampf gegen die EU-Kommission führen. Mit Orban ist den Euroskeptikern nun ein wichtiger Mitspieler verloren gegangen, doch innenpolitisch dürfte die Niederlage für Le Pen und Bardella kaum Auswirkungen haben, da der Fokus in Frankreich stark auf sich selbst gerichtet ist.
Polen: PiS muss sich neu sortieren
Die Abwahl von Orban ist für Polens rechtskonservative Oppositionspartei PiS ein schwerer Schlag. Orban war ein strahlendes Vorbild für die Partei, deren Chef Jaroslaw Kaczynski bereits 2011 ein "Budapest in Warschau" ankündigte. Polens rechter Präsident Karol Nawrocki reiste im März zu Orban, um Wahlkampfhilfe zu leisten, und gratulierte nach der Wahl zwar Wahlsieger Peter Magyar, kommentierte das Ergebnis aber nicht weiter. Die PiS-Spitze ging zunächst auf Tauchstation, und Politologen wie Agnieszka Lada-Konefal vom Deutschen Polen-Institut betonen, dass die Partei sich nun selbst sortieren muss. Sie weist darauf hin, dass Polens Rechte, die ständig ihre Nähe zu US-Präsident Donald Trump betont, auch darüber nachdenken muss, dass Orban trotz Trumps Unterstützung die Wahl verloren hat.
Italien: Meloni zeigt gemäßigte Reaktion
Für Italiens rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni war Orban über die vergangenen Jahre ein wichtiger politischer Bezugspunkt und strategischer Verbündeter. In ihrem Glückwunsch-Post für Magyar bei X betonte Meloni ausdrücklich ihren Dank an ihren "Freund Viktor Orban" für die intensive Zusammenarbeit. Trotz der grundsätzlichen Nähe haben sich im Laufe der Zeit bedeutende Unterschiede herauskristallisiert: Seit ihrer Wahl zur Regierungschefin hat Meloni den Ton stark gemäßigt, tritt in der EU als verlässliche Partnerin auf und steht in Bezug auf Russlands Krieg gegen die Ukraine weit von Orban entfernt. Für Meloni dürfte Orbans Niederlage kurzfristig daher keine dramatischen Folgen haben, da Magyar als prowestlicher Konservativer gilt und Schnittmengen mit ihr aufweisen könnte.
Österreich: FPÖ nutzt Wahl für Mobilisierung
Für die rechte österreichische FPÖ war Orban bislang ein Vorbild und enger Verbündeter. Nun versucht die Oppositionspartei, die Ungarn-Wahl für die Mobilisierung der eigenen Anhänger zu nutzen. Parteichef Herbert Kickl und andere Politiker argumentieren, dass die EU an Orbans Niederlage Schuld sei, da EU-Mittel für Ungarn zurückgehalten worden seien, um ihm zu schaden. Kickl warnte auch, dass ohne Orban nun "Irrsinns-Projekte Brüssels" leichter ausgerollt werden könnten. Die FPÖ, die seit Jahren stimmenstärkste Partei Österreichs ist, hält Orban also auch nach dessen Niederlage die Treue und nutzt die Situation für ihre politischen Ziele.
Europäische Union: Schwächung der Populisten
Das Rechtsaußen-Bündnis in der Europäischen Union, Patrioten für Europa (PfE), verliert mit Orbans Abwahl den einzigen Regierungschef aus den eigenen Reihen. Die politische Gruppe sicherte Orban und seiner Partei Fidesz nach der Wahl volle Unterstützung zu und verwies auf die Bedeutung der "Verteidigung der nationalen Souveränität und der konservativen Werte in Europa". Zur PfE gehören unter anderem Politiker von Rassemblement National, der italienischen Lega und der FPÖ. Manfred Weber, der Vorsitzende der christdemokratischen Europäischen Volkspartei (EVP), sprach von einer massiven Schwächung der Populisten und betonte, dass die Rechtspopulisten mit Orbans Niederlage ihre Symbolfigur verloren hätten.
Großbritannien: Farage distanziert sich
Für den britischen Rechtspopulisten und Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage war der abgewählte ungarische Regierungschef schon seit längerem toxisch geworden. Spätestens seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine hielt der Brite sich mit Sympathiebekundungen für Orban, den er einst als Vorbild gepriesen hatte, deutlich zurück. Der Schmusekurs Orbans mit Moskau kam selbst bei eingefleischten EU-Gegnern auf der Insel nicht gut an, und Farage distanzierte sich zunehmend von seinem früheren Idol.



